Ein Klangmagier, der sein Wort hält

17.04.2017 • 20:04 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Maestro Kirill Petrenko mit dem Solisten Daniel Schmutzhard und dem Symphonieorchester Vorarlberg im Montforthaus Feldkirch. Foto: SOV/Mathis
Maestro Kirill Petrenko mit dem Solisten Daniel Schmutzhard und dem Symphonieorchester Vorarlberg im Montforthaus Feldkirch. Foto: SOV/Mathis

Kirill Petrenko gelang mit dem SOV und
Mahlers „Fünfter“
ein Höhepunkt.

FELDKIRCH. Ein Abend, der Geschichte geschrieben hat durch eine Mahler-Interpretation, wie sie perfekter und spannender kaum denkbar ist. Der aus Russland stammende Topdirigent Kirill Petrenko (45) machte die „Fünfte“ zum vorläufigen Höhepunkt seines Zyklus mit dem Symphonieorchester Vorarlberg. Ein genialer Klangmagier und ein großartiger Mensch, der dem Land seiner Jugendjahre und den Musikern des SOV auch als Weltklassedirigent die Treue hält. Ihre Hochachtung dafür haben Zuhörer und Musiker am Sonntag im längst ausverkauften Montforthaus mit euphorischen Kundgebungen für den bescheiden wirkenden Petrenko artikuliert.

Weil er alles Aufheben um seine Person hasst, keine Interviews gibt und auch hier im Abendprogramm bloß mit einem Foto aufscheinen wollte, gilt er oft als unnahbar. Dabei will Petrenko nichts anderes, als sich in jedem Moment mit aller möglichen Gründlichkeit und Sensibilität in seine Musik zu vertiefen. Er hat dieses Ziel auch hier imponierend erreicht und sich auf dem Weg dorthin in wenigen Probentagen aus dem fast 90-köpfigen SOV ein höchst qualitatives Instrument erschaffen, das seine Begeisterung und Leidenschaft teilt und seine Anforderungen bestmöglich erfüllt. Es ist sein persönliches „Dream-Team“ im Geist der einstigen Studienzeit, das an den führenden Pulten nach seinen Wünschen besetzt ist. Sogar den früheren SOV-Konzertmeister Hans-Peter Hoffmann hat man eigens aus Frankfurt eingeflogen.

Kraft- und Ruhepol

Petrenko geht Mahlers Werk zwar mit der gewohnten Akribie analytisch auf den Grund, lässt nichts durchgehen – und den Musikern dennoch ihre Freiheiten. Den vielen profilierten Solisten etwa in den exponierten Stellen, allen voran der nervenstarke Trompeter Roché Jenny mit blitzsauberen Signalen im ersten Satz. Beeindruckend, mit welch ausgeprägtem Klangsinn und gezieltem Körpereinsatz Petrenko als Kraft- und Ruhepol zugleich die gerade bei Mahler prägende Farbgebung behandelt, wie sicher er die vielen heiklen Tempoübergänge, die stürmisch aufbrausenden dynamischen Eruptionen meistert und dabei stets die übergeordnete Architektur im Auge hat. Diese wird betont, indem er die Pausen zwischen den fünf Sätzen nicht an den gewohnten Stellen setzt, sondern in den von Mahler bestimmten drei „Abteilungen“, mit den ersten und letzten beiden Sätzen attacca. So vergeht dieser symphonische Koloss von knapp 70 Minuten wie im Flug.

Schneidende Dissonanzen

Petrenko rückt Mahlers 1904 uraufgeführte „Fünfte“ auch ganz nah in unsere Zeit und stellt radikal klar, dass das Werk mit seinen schneidenden Dissonanzen, die sich stellenweise an keiner Tonalität mehr orientieren, hörbar Musik des 20. Jahrhunderts ist. Dem steht mit dem aus Streichern und Harfe gewobenen melodiösen „Adagietto“ als Ruhepunkt ein Wunder an Klanglichkeit und Intensität gegenüber. Der Satz verdankt seine Popularität nicht zuletzt der fragwürdigen Verwendung 1971 in Viscontis Film „Tod in Venedig“ nach Thomas Mann. Es ist wie eine Rehabilitation, eine berührende Rückführung zu den Ursprüngen im Konzertsaal, wie Petrenko gerade diesen Teil mit dem seidigen Glanz von 60 Streichern des SOV zum Lehrstück für emotionale Wirkung ganz ohne Sentimentalität erhebt. Dank der Wirkkraft des Dirigenten, die ihm auch hier die Aufmerksamkeit der internationalen Musikwelt sichert, wird diese so persönliche Mahler-Deutung noch lange nachklingen, weit über dieses lokale Ereignis hinaus.

Der Tiroler Daniel Schmutzhard, den man hier von der Schubertiade und seinem Papageno in Pountneys „Zauberflöte“ kennt, bietet mit Mahlers irrlichternd zwischen Dur und Moll angesiedelten „Liedern eines fahrenden Gesellen“ weit mehr als einen Appetizer. Mit schön ausgeformtem Bariton und einer breiten Ausdruckspalette macht er in der Anlage keinen großen Unterschied zwischen den beiden Figuren und ihrer blinden Verliebtheit, in die auch der Schmerz bereits einkomponiert ist.

Hörfunkwiedergabe: 30. April und 7. Mai, jeweils 20.05 Uhr, Radio Vorarlberg