Auf Schritt und Tritt vom Militär überwacht

19.04.2017 • 19:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Gregor Sailers Aufnahmen haben zuweilen fast filmische Qualität. Foto: AG
Gregor Sailers Aufnahmen haben zuweilen fast filmische Qualität. Foto: AG

Im Bildraum Bodensee zeigt Gregor Sailer Bilder und Materialien zu „Closed Cities“.

BREGENZ. Die Orte, die Gregor Sailer im Bildraum Bodensee vorstellt, findet man auf keiner Landkarte und in keinem Reiseprospekt. Dort, wo man freiwillig nicht hinfahren möchte, dort wo die Sperrgebiete anfangen, werden die Welt und die Kunst für den Tiroler Fotografen Gregor Sailer, der seine Fotografie als Akt der Recherche und der Investigation versteht, erst spannend. So reiste er für sein fotografisches und dokumentarisches Langzeitprojekt „Closed Cities“ von 2009 bis 2012 auf drei Kontinente und besuchte sechs Orte in Algerien, Argentinien, Aserbaidschan, Chile, Qatar und Russland.

Verborgene Existenzen

Darunter Flüchtlingsstädte in der Westsahara, Orte der Ausbeutung in der Atacama-Wüste in Chile, gated communities als illusionäre, abgeschottete Orte der reichen Bevölkerung nahe Buenos Aires, ein Gasfeld in Qatar oder die Diamantenstadt Mirny in der russischen Taiga. Unter Risiken und Entbehrungen, auf Schritt und Tritt kontrolliert, von Geheimdiensten und Militär überwacht, bewegte sich Gregor Sailer in diesen geschlossenen Städten in ihrer verborgenen Existenz auf verbotenem Terrain. In künstlich geschaffenen Stadträumen, an isolierten, von der Außenwelt abgeriegelten Orten, die bis zu 100.000 Menschen beherbergen und gewachsene Infrastrukturen imitieren, macht der Künstler die Schauplätze auf seine ganz eigene Art und Weise sichtbar. Menschenentleert, wird Architektur in den Fotografien von Gregor Sailer zum Transportmedium für schwierige Themenfelder wie Zwangsumsiedelung, Umweltzerstörung, Ausbeutung von Mensch und Natur oder die Flüchtlingsproblematik. Aber auch Fragen und Bedingungen der Bildproduktion, wie die Zensur, der sämtliche Fotos unterliegen, die auch in einem kompakten, längst vergriffenen Buchprojekt dokumentiert sind, werden angetönt. Nicht zuletzt geht es Gregor Sailer aber auch um den ästhetisch-künstlerischen Anspruch seiner Werke. Um die Suche nach dem perfekten Licht und dem perfekten Moment, was eine Grundkonstante in seinem fotografischen Werk darstellt. Analog fotografiert, der Schnelllebigkeit digitaler Bilderfluten geradezu diametral entgegengesetzt, bedeutet das Arbeiten mit der Mittel- und Großformatkamera ein langsames, zeitintensives Arbeiten mit nur einer Belichtung pro Motiv.

Interessante Einblicke

In den vergangenen Jahren bereits an etlichen prominenten Orten und international gezeigt, erfahren die Bilder im Bildraum Bodensee in Bregenz eine für ihr Verständnis nicht unwesentliche Erweiterung. „Bilder und Materialien“ heißt es im Untertitel der Schau und meint mit „Materialien“ die in Vitrinen präsentierten Tagebücher, Bewilligungen, Karten und Korrespondenz, die den Fokus auf das konzeptuelle Arbeiten legen. Interessante Einblicke in die aufwendigen Vorbereitungen gebend, bewahrt die Dokumentation die Fotos auch vor dem Plakativen und verleiht ihnen zudem einen persönlichen Touch. „Die Physiognomie einer jeden Stadt in nur wenigen Bildern freilegend“ öffnet die von Margit Zuckriegl kuratierte Schau im Hauptraum ein großes, einführendes Panorama, um sich dann „wie unter einem Mikroskop“ mit zwei Sonderfällen zu beschäftigen. Im stadtseitigen Raum ist es Ras Laffan, das weltgrößte Gasfeld in Qatar, und im seeseitigen Raum die sibirische Satellitenstadt Mirny, lediglich aus der Luft zu erreichen, wo seit den 1950ern Diamanten gefördert werden und Generationen von Minenarbeitern ansässig sind. Das gleißende Licht in der Wüste, fast unwirklich, bei Temperaturen bis zu 65 Grad Celsius, das Polarlicht in der russischen Taiga am Rande des riesigen trichterförmigen Tagebaulochs – Gregor Sailers Aufnahmen haben zuweilen fast filmische Qualität. Lediglich die Geschichten hinter den Bildern, die Schicksale der Menschen, die in den Fotos nicht vorkommen, die gehören, unzensiert, dem Fotograf allein.

 

Zur Person

Gregor Sailer

Geboren: 1980 in Schwaz/Tirol

Ausbildung: Diplomstudium Kommunikationsdesign und Masterstudium Photographic Studies an der Fachhochschule Dortmund

Ausstellungen: FO.KU.S Innsbruck, ACF Budapest, Stadtmuseum München, Architekturmuseum Frankfurt, Museum der Moderne Salzburg, Galerie im Taxispalais Innsbruck, Kunsthalle Wien u. a.

Auszeichnungen: Europäischer Architekturfotografie-Preis, Staatsstipendium für künstlerische Fotografie, Joseph Binder Award u. a.

Wohnort: Schwaz/Tirol

Die Ausstellung ist im Bildraum Bodensee, Seestraße 5, Eingang im Posthof, in Bregenz, bis 27. Mai geöffnet, Di und do, 13 bis 18 Uhr, Fr und Sa, 11 bis 16 Uhr.