Recht und Unrecht in einem Klassiker gut komprimiert

20.04.2017 • 20:11 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Seit gestern Abend am Landestheater: „Michael Kohlhaas“ nach Heinrich von Kleist mit Daniel F. Kamen. Foto: LT/Eichhorn
Seit gestern Abend am Landestheater: „Michael Kohlhaas“ nach Heinrich von Kleist mit Daniel F. Kamen. Foto: LT/Eichhorn

Mit Kleist verweist das Landestheater auf die nächste „sehr politische“ Saison.

Christa Dietrich

Bregenz. Wie wehrt man sich? Wie bezieht man Stellung? Wo ist der Punkt, an dem man über das Ziel hinausschießt? Die Behandlung derart existenzieller Fragen, die Intendant Alexander Kubelka in einer Zeit, in der, wie er meint, „den Behauptungen gleich viel Bedeutung beigemessen wird wie der Wahrheit“, für angebracht hält, haben zur Auseinandersetzung mit „Michael Kohlhaas“ geführt. Die 1810 erschienene, berühmt gewordene Novelle von Heinrich von Kleist wurde bereits mehrfach zum Theaterstück umgearbeitet. Vor knapp zwei Jahren realisierten es die Wuppertaler Bühnen.

Publikumsinteresse

Inszeniert von Helene Vogel, die am Landestheater vor einiger Zeit mit Dürrenmatts „Physiker“ ihr Regiedebüt absolvierte, bearbeitet von Dorothée Bauerle-Willert, die auch in Bregenz als Dramaturgin tätig ist, und umgesetzt von Daniel F. Kamen, den man als Schauspieler am Kornmarkt bereits sehr zu schätzen gelernt hat, liegen die Bezüge zu Vorarlberg offen. Da es ohnehin ein Stück ist, das Fragen zu Recht und Unrecht gut und gültig komprimiert, steht es nun in Bregenz auf dem Programm. Vorerst zwei Mal, nachdem das Besucherinteresse bei der Premiere am gestrigen Abend größer war als das Platzangebot im Kleinen Haus, wird eine längere Verweildauer wohl ins Auge gefasst werden müssen. Dass das Publikum ein derartiges Angebot schätzt, bekundete es auch mit heftigem Schlussapplaus, der in erster Linie dem 80 Minuten lang monologisierenden Schauspieler galt, aber auch der Regie.

Das Schicksal von Michael Kohlhaas, dem im 16. Jahrhundert lebenden Pferdehändler, dem Unrecht geschieht, der aber keine Möglichkeit erhält, sein Recht einzufordern, und der daher einen Rachefeldzug startet, für den er verurteilt wird, konkret mit heutigem Kolorit aufzuladen, ist nicht notwendig. Abgesehen davon, dass Gefahr drohte, sich in den Tatsachen geänderter Rechtsverhältnisse zu verstricken, wäre die Gegenüberstellung von damals und heute auch banal. Helene Vogel begnügt sich mit leisen Verweisen, die die Fantasie anregen, wenn etwa ein Brustpanzer, ein umgestoßener Tisch oder immer wieder zerrissenes Papier als Zeichen ungültig gewordener Vorschriften und missachteter Moral oder eine Militärjacke zum Einsatz kommen. Im Mittelpunkt steht ohnehin die Kraft des Erzählers Daniel F. Kamen, der in sämtliche Rollen schlüpft und damit die konzentrierte Auseinandersetzung eröffnet. Die Stücke sind noch nicht verlautbart, Kubelkas nächste Spielzeit soll aber sehr politisch werden. Mit Kleist kündigt sie sich schon einmal gut an.

Nächste Aufführung von „Michael Kohlhaas“ am 23. April, 19.30 Uhr, im Kleinen Haus am Bregenzer Kornmarkt. Weitere sind geplant.