Analytisch schöne Bilder

21.04.2017 • 16:16 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die Vorarlberger Schriftstellerin Maya Rinderer. Foto: A. Serra
Die Vorarlberger Schriftstellerin Maya Rinderer. Foto: A. Serra

Maya Rinderer gelingt der Spagat zwischen präziser und berührender Poesie.

Lyrik. Von Mehrfachidentitäten, Beziehungen, sexueller Orientierung, vom Erwachsenwerden – Maya Rinderer erzählt in „Standardabweichungen“ von Themen, die man kennt, Themen, über die man gelesen hat; das außergewöhnliche an Rinderers Lyrikband ist aber die Art und Weise, wie davon erzählt wird. Die Gedichte Maya Rinderers sind konkret und präzise und eröffnen dennoch Raum für Interpretationen und das Erspüren des Nichtgesagten. Dabei greift Rinderer zu Metaphern, die in ihrer Originalität berühren, in ihrer Vielschichtigkeit überraschen und zur Suche und Erforschung anregen, auf die sich das lyrische Ich selber begibt, beispielsweise, wenn die „Lüge der Standardabweichung“ darin besteht, „dass sie immer sein will wie die anderen“.

Die Zerrissenheit, Suche und Sehnsucht in Maya Rinderers Gedichten spiegelt sich auch in der Biografie der Autorin wieder: 1996 in Dornbirn als Tochter eines Vorarlberger Vaters und einer israelischen Mutter mit ungarischen und syrischen Wurzeln geboren, wuchs sie zweisprachig (Deutsch und Hebräisch) auf; bezeichnet Dornbirn und Tel Aviv gleichermaßen als ihre Heimat. Heute lebt sie in Wien und studiert Orientalistik. „Standardabweichungen“ ist nach „An alle Variablen“ ihr zweiter Lyrikband.

Politisch bewusst

Anknüpfend an „An alle Variablen“ durchziehen auch „Standardabweichungen“ Metaphern der Mathematik. In einer Welt voller scheinbar logischer Normen und Konventionen greift Rinderer zu den Begrifflichkeiten der Mathematik, um die Normalität ebendieser aufzubrechen: „Es gibt keine Variablen für immer und Konstanten lügen doch nur.“ Woher dieses Faible für die Bilderwelt der Mathematik rührt, beschreibt Rinderer in „Vierundzwanzig“, wenn es gleichermaßen präzise wie berührend heißt, dass Zahlen „sicher, aber nicht unfehlbar sind/vielleicht.“

Rinderers lyrisches Ich schwankt zwischen Anpassung und Verweigerung, zwischen Selbstentdeckung und Selbstabgrenzung: „Wenn ich groß bin:/Wir werden in den Mulden unserer Körper liegen,/ganz anders als jetzt, viel – erwachsener – und viel – /Keine Sorgen mehr haben müssen,/ob unsere Küsse standardnormverteilt sind./In einer Welt, in der wir keine Standardabweichungen sind, sondern nur Varianzen.“ Der spannende Blickwinkel, mit dem sie diese scheinbar typischen Interessen einer heranwachsenden Frau ertastet, ist aber an vielen Stellen auch ein politisch und historisch bewusster und sensibler: „Was sind das für Berge und tiefgrüne Wälder um Jerusalem? Manchmal erinnert mich etwas daran, dass heute Weihnachten ist.“ heißt es da in „Vierundzwanzig“.

Es ist ein eigener Ton, den Rinderer in „Standardabweichungen“ findet und anschlägt. Ein Ton, der aufhorchen und genau hinhorchen lässt und neugierig macht auf das, was Rinderers lyrische Zukunft bringt.

Maya Rinderer: „Standard­abweichungen“, edition miromente Nr.3, 96 Seiten.