Jeder Himmel ist geliehen

21.04.2017 • 16:14 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Der Schriftsteller, Lehrer und Übersetzer Kundeyt Surdum kam 1971 nach Vorarlberg. Er starb vor einem Jahr. Foto: Nikolaus Walter
Der Schriftsteller, Lehrer und Übersetzer Kundeyt Surdum kam 1971 nach Vorarlberg. Er starb vor einem Jahr. Foto: Nikolaus Walter

„Mit 40 Jahren wechselte Vladimir Nabokov aus seiner russischen Muttersprache ins Englische. Józef Korzeniowski lernte mit 21 Englisch und wurde zu Joseph Conrad, der russische Dichter Joseph Brodsky schrieb in Amerika seine Essays auf Englisch. Sprachwechsel ins Englische mögen funktionieren – aber ins komplizierte Deutsche?“

Um dieser Frage nachzugehen, führt Aexander Cammann in der ZEIT eine illustrative Reihe erfolgreicher lebender Autoren und Autorinnen auf, aus Russland, der Ukraine, Bosnien, Aserbeidschan, Ungarn, dem Irak, um schließlich zu resümieren: „Die neue Sprache erwies sich bei allen als machtvolles Medium künstlerischen Ausdrucks, in intensiver Anverwandlung, vielschichtiger Neubearbeitung, spielerischer Spiegelung. Herkünfte wurden in ästhetische Form verwandelt – bis sie sich gar nicht selten in ihr auflösten.“

Ein Autor wie Kundeyt Șurdum könnte dazu anregen, in ähnlicher Weise über seine Herkunft, seinen Sprachenwechsel und die damit verbundenen Folgen für seine Lyrik nachzudenken. Doch wer ihn kannte, liest und lesen hörte, dem genügen selbst so ergiebige Begriffe wie die oben zitierten nicht wirklich.

Zu wenig steckt darin die Bereitschaft, vor etwas einzuhalten, was bei V. S. Naipaul das „Rätsel der Ankunft“ heißt.

Das Suchen, die Arme hochstreckend / hob sich / aus dem Tau / faßte den Himmel, zerrte an ihm // Sei dir bewußt / suche den Grund nicht / Freu dich an der Schattenburg / in einer Stadt des Oktobers / grün / weiß /blau namens Feldkirch / Nicht das Meer suchend // Eine Wüste habe ich hierher geschleppt / eine nackte, / die gerne ihren unsichtbaren Schatten herbeiführt / und einer Möwe / den Ort verlieh / zum Sterben // Eine Möwe, nichts als / eine Möwe, die das Weite gelernt hat / den Weg fernab

Nicht das Meer suchend, GH

So wenig Kundeyt Șurdums Gedichte seine Herkunft im postalischen Sinn verraten, so wenig erscheint in ihnen Feldkirch als das gesuchte Anderswo des Niederlassens.

Kein Traum von einem anderen Leben / diese Früchte anderer Länder / Man ißt sie nur / Das Licht ist selbstverständlich / Das Wort auf allen Landkarten

Die falsche Vereinigung, KT

Herkunft und Ankunft – das Leben als Reise durch karthografisch notierte Räume, in denen die Sprachen sich ändern wie die Sitten und Währungen? Herkunft und Ankunft – und irgendwo im Niemandsland die Überquerung eines gefühlten Rubikon, um das Eigene von vorne anzufangen?

Die Sprache der Tscherkessen im kindlichen Ohr, zu wortlos, um sie selbst in den Mund zu nehmen; großstädtisch-weltläufiges Türkisch von Üsküdar zur Hand, um damit mit seinesgleichen umzugehen; das gekelterte Deutsch als Schulfach eines Auslandsgymnasiums in Istanbul, das Idiom von Dichtern und Denkern, die nach und nach im Inneren des Eleven Stellung bezogen.

Es ist mir völlig gleich / was die Wörter bedeuten / Um etwas zu verstehen / ist es immer zu früh

Es ist immer zu früh, GH

Dieses Istanbul! Eine Stadt über mehr als nur sieben Schichten der Geschichte, in der keine Sprache so „heimatlich“ war, daß es nicht gleich nebenan schon ganz anders klang. Darüber spannte sich kein Himmel aus einem Guss, höchstens ein Firmament von Gewölben über einem Bazar.

alterslos ist mein schaukelwerk für flohmärkte / mein tag kurze blicke / ohne gewalt / ich möchte nach istanbul istanbul

die trägheit, KT

Der in Istanbul geborene griechische Schriftsteller Petros Markaris beschrieb den „Schmelztiegel dieses Sprachengewirrs“ in einer allzeithistorisch einmaligen Stadt (Die Welt): „Wenn ein Passant in der Istiklal Straße Richtung Taksim Platz spazierte, hörte er gleichzeitig Türkisch, Griechisch, Armenisch und Ladino, aber auch Französisch und Italienisch. Istanbul war Ende der Vierziger-, Anfang der Fünfzigerjahre ein Sonderfall der Multinationalität, so dass der Mann auf der Straße gar nicht aufmerkte, als diese verschiedenen Sprachen gesprochen wurden. Das Sprachengewirr gehörte zu seinem Alltag.“

Niemand hätte dieses Sprachenbabel einfach so verlassen können, erst recht nicht jemand, dessen eigene und einmalige Sprache noch aus der Verpuppung drängte. Kundeyt Șurdum hat sich als Mensch in eine tapfere Monotonie hinaus gewagt, in seiner Dichtung sind seine Ursprünge lebendig geblieben. „Die Langeweile der Fahnen“ hätte ihn überall eingeholt.

Ich fahre gerne von Üsküdar weg / Ich fahre gerne von Üsküdar weg / Ich fahre gerne von Üsküdar nach Üsküdar

Schuhe II, KT

Fahren, fahren, fahren – doch der Raum ist aufgehoben, die Reise etwas anderes als eine Route, Abfahrt und Ankunft austauschbar, die Spur in keinem Bericht. Noch nicht einmal ein Bauwerk wie die magische Galata-Brücke verbindet ein benennbares Hier mit seinem Dort.

Unter der Brücke / mischen sich zwei Meere / das Wasser des Goldenen Horns / mit dem des Bosporus / Ich schaue ins Wasser und / durchquere mein Land

Galata-Brücke, KT

Aufgehobener, nach Innen gewendeter Raum. Die Zeit, unwirklich wie auf den Uhren von Salvador Dali. 1972 stieg Orhan Pamuk auf dieser Brücke aus dem Taxi, in einen wintergrauen Limbus der Bankreklamen und Oberleitungsbusse, entdeckte eine Holztreppe und fand an ihrem Fuß einen kleinen Dampfer. Er bestiegt ihn und befand sich unversehens „in einer älteren, viel langsameren, zäher fließenden Zeit (…) um dreißig Jahre zurückversetzt“ (Pamuk).

Kundeyt Șurdum kannte die Bankreklamen und Oberleitungsbusse im Turboraum der Galata-Brücke. Vielleicht auch die schmale Holztreppe, sicher die kleinen Dampfer, die tutenden Fährschiffe und Schlepper auf dem Bosporus. Wo war er da?

ich beobachte gerne das unsichtbare / weiß aber nicht was ich sehe / was ich nicht sehe / dabei höre ich das unhörbare /nach einem geigenspiel / gewiß eine vermutung die stille

ich beobachte gerne, KT

Doch selbst Istanbul wäre keine Adresse für einen „alten Träumer und Flüchtling unter dem Kennwort ewig“ gewesen.

auf welcher einsamkeit / reitet man nach istanbul / welche enge ist istanbul

die trägheit, KT

Als ich Kundeyt Șurdum vor vielen Jahren in St. Gerold zum ersten Mal begegnete, erschien er mir auf diesem redseligen Flohmarkt unserer Eitelkeiten als der ganz Andere. Er ging durch die Räume, den Garten, die Grüppchen, zurückhaltend wie ein Gast, der „das alles“ nur aus Höflichkeit und Güte mitmachte und nicht wirklich nötig hatte. Ein Reisender ohne Gepäck. Auch flüchtige Eindrücke sind manchmal ein bisschen lyrisch. Gesittet und freundlich nahm er auf dem Podiumsstuhl Platz, hinter dem Mikrofon, das wie ein Unding auf dem Tischchen stand. Doch wenn er zu lesen begann, war das nicht bloß gelesen, wie wir unsere Sachen lasen, gut oder weniger gut vorgetragen, im Ohr schon einen Vorschuss auf den Zuspruch der Freunde. Nehmt es auf, es ist mein Geist.

Ich kannte seine Dichtung noch nicht. Doch dieser eine Vers, erst später geschrieben und mitgeteilt, hätte damals schon genügt, um dem Rätsel seiner Anwesenheit näher zu kommen:

der erde gebe ich papiere

dem himmel meinen atem

Ein scheinbar unscheinbarer Vers – im diskursiven Jargon Kundeyt Șurdums Poetologie. Es lohnt, seine Einfassung zu sehen:

der nacht habe ich nichts gegeben / dieses licht stammt nicht von mir / keinen anteil habe ich / an erde und himmel // der erde gebe ich papiere / dem himmel meinen atem / weder freude noch schmerz / habe ich verdient / doch erlebe ich beide

bis zur liebe, KT

Auf den Papieren, nur auf den Papieren muss man sich für diese oder jene Sprache entscheiden. Der Atem folgt keiner Syntax. Der Himmel, diese Leihgabe an den Träumer und Flüchtling unter dem Kennwort ewig, steht hoch darüber. So gesehen, zählt nicht, was wir zu beherrschen meinen.

aufregend ist es das reiten / auf unbekannten ebenen / stolpern auf den fremden steinen / sich freuen nach einem gelungenen sprung / über einen bach / in meiner deutschen sprache Genugtuung in der Fremde, KT

In meiner deutschen Sprache. Auch die Sprache von Üsküdar hätte dem Dichter die Aufregungen nicht erspart, das Reiten, das Stolpern, das Springen. Jede Sprache birgt unbekannte Ebenen, fremde Steine, riskante Bäche.

Der biografisch angelegte Wechsel der Sprache war für Kundeyt Șurdum kein Systemwechsel, kein Tausch kultureller Kosmen, kein Ritt vom eigenen Himmel unter einen geliehenen, dem Himmel über Üsküdar unter den Himmel über Feldkirch, dem Himmel über der Galata-Brücke unter den über der Schattenburg. Kundey Șurdum hat den Wechsel genutzt, um sich aus den Vorgaben des Papiers zu befreien, die in jeder Sprache anders, aber in allen Sprachen vorhanden sind: „Dem Himmel meinen Atem“.

Und Kundeyt Șurdums Lyrik? Das Schwarz des Drucks auf dem Weiß des Papiers? Dieser Reiter, Träumer und Flüchtling hat sich in den unbekannten Ebenen nicht verirrt, ist nicht über fremde Steine gestürzt, nicht in hinderliche Bäche gefallen.

Ich mag solche Gedichte / die man nicht Gedichte nennen kann / Ich bin ein Sammler / Wenn ich keins finde / schreibe ich selber // Vielleicht kommt der Tag

Manche Gedichte, KT

Gedichte zu schreiben, die man nicht Gedichte nennen kann, hat Kundeyt Șurdum nicht geschafft. Der alte Kompromiss mit dem Leben, wie es einmal ist. Er hat es aber damit nicht bändeweise übertrieben. Hat sich dieser feine Skeptiker des Papiers zurückgehalten? Um unser Augenmerk auf die Unvereinbarkeit von DIN A4 und blauem Zenit zu lenken?

nur das was beendet ist / nimmt eine form an // war es eine wiedervereinigung / oder ein abschied / die umarmung // die frage bleibt immer

ich beobachte gerne, KT

Norbert Loacker, geb. 1939 in Altach, lebt als Schriftsteller in der Schweiz. Am 25. April, 20 Uhr, findet im Vorarlberg Museum in Bregenz eine Lesung in memoriam Kundey Surdum statt. Anmerkung: GH und KT steht für die Bände „Unter einem geliehenen Himmel“ und „Kein Tag geht spurlos vorbei“