Leerstände und Stillstände

27.04.2017 • 17:53 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Schlatter ist als Fotokünstler Autodidakt. Foto: AG
Schlatter ist als Fotokünstler Autodidakt. Foto: AG

Die Fotografien von Manfred Schlatter in der Artenne Nenzing dokumentieren verlassene Orte.

NENZING. (ag) Auf der Ofenbank machen sich noch die Wolldecken breit, daneben wartet eine Gitarre, auf dem Küchentisch stapelt sich Geschirr und in der Werkstatt liegen Hobelspäne: Manche der Interieurs, die der Schrunser Fotograf Manfred Schlatter (geb. 1960) ablichtet, wirken, als wären ihre Bewohner nur gerade einmal kurz zum Einkaufen oder in die Mittagspause gegangen. Dabei ist allen Objekten gemeinsam, dass sie schon eine geraume Zeitlang unbewohnt und ungenutzt sind, kurz vor dem Abbruch oder dem Verfall stehen.

Schauplatz Kurhotel

Die Fotografien aus der Reihe „Stillstand“, die derzeit in der Artenne Nenzing zu sehen sind, schließen nahtlos an das letztjährige Artenne-Motto „Stöbern und Stolpern“ an, wo der Dachboden als Kunstspeicher und als Erinnerungsraum Thema war. Diesen Aspekt berücksichtigt die aktuelle, im Vergleich zur Präsentation von 2016 in der Schrunser MAP Kellergalerie erweiterte und auf den Ort zugeschnittene Auswahl. Waren es zunächst unberührte Landschaften, geradlinig und pur, denen sich Manfred Schlatter, Autodidakt in Sachen Fotografie, mit der Großformatkamera genähert hat, so begibt er sich seit einigen Jahren auf die Spurensuche nach architektonischen Leerständen und verlorenen Orten in seiner Montafoner Heimat. Eines der ersten verlassenen Objekte, die der Fotograf kurz vor der Zerstörung im letzten Zustand noch festhalten wollte, war das Kurhotel in Schruns. Nicht der erste bildende Künstler, der sich dieses historischen Schauplatzes annimmt, nähert sich Manfred Schlatter auf distanziert-stille, unaufdringliche Art dem Motiv.

Ohne Sentimentalität

Was zuweilen wie ein Stillleben wirkt, ist niemals inszeniert, bleibt unangetastet. Wie aus der Zeit gefallen, die Lebensspuren vergangener Generationen nachzeichnend, strahlen die Fotos die unsägliche Einsamkeit und die unaufhaltsame Vergänglichkeit eines Ortes aus. Ohne Sentimentalität, kein bisschen voyeuristisch, aber mit dem Blick für eine gute Bildkomposition, dokumentieren sie Vergessenes und Übrig-gebliebenes, den Ist-Zustand, den Moment vor der großen Veränderung, dem aber auch eine gewisse Poesie innewohnt, verstärkt durch das Schwarzweiß der Bilder. Zu den mittlerweile über zehn Bauten, an denen Schlatter seit etlichen Jahren Spurensicherung geleistet hat, gehört auch die Ski-Werkstatt Schallert in Nenzing, der ehemalige Gastbetrieb Jochum in Tschagguns samt aufgelassener Kegelbahn oder die ehemalige Post in Schruns mit dem Veranstaltungssaal als Raum, er sich als Treffpunkt des Ortes im Gedächtnis mehrerer Generationen verankert. Mit dabei sind auch architektonische Kleinode, wie das Vallaster-Haus beim Schrunser Bahnhof, das vom Architektenduo Dönz und Reznicek stammt.

Einige der Häuser und Bauten, wie das Zementwerk in Lorüns oder das Kurhotel wurden bereits abgerissen und existieren nur noch auf dem Fotopapier. Es wird nichts beschönigt in den Bildern, nichts manipuliert und auch nicht kritisiert. Es ist, was es ist. Ein Augenblick in einem langen und langsamen Prozess des Verschwindens, in dem sich Lebensbilder wie absichtslos zu räumlichen Stillleben abgelagert haben.

Es geht immer darum, die Situation am besten festzuhalten, wenn man in so einen Raum kommt.

Manfred Schlatter
Es wird nichts beschönigt in den Bildern, nichts manipuliert und auch nicht kritisiert. Foto: Manfred Schlatter
Es wird nichts beschönigt in den Bildern, nichts manipuliert und auch nicht kritisiert. Foto: Manfred Schlatter

Die Ausstellung wird heute, Freitag, 28. April, um 19 Uhr in der Artenne, Kirchgasse 6, in Nenzing eröffnet. Geöffnet bis 21.Mai, Mi und So, von 16 bis 19 Uhr.