Von Vorurteilen und Unterstellungen

Kultur / 23.05.2017 • 22:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Der Rest der Stojkas“, 1997, Arbeit der Schriftstellerin und Malerin Ceija Stojka.  Foto: VM, katalog Wien Museum
„Der Rest der Stojkas“, 1997, Arbeit der Schriftstellerin und Malerin Ceija Stojka.  Foto: VM, katalog Wien Museum

Vorarlberg Museum übernimmt das Projekt „Romane Thana“ aus Wien und Eisenstadt.

Christa Dietrich

Bregenz. „Trotz Migrationsgeschichte – dem Wechsel verschiedener Wohnorte, verschiedener Regierungs- und Staatsformen, dem Wechsel der Sprachen und Kulturen, Religionen und Weltanschauungen – gibt es einen Ort, den ich niemals gewechselt habe: Der Ort des eigenen Ichs in mir selbst, in dem Toleranz, Verständnis, Respekt, Liebe und Glaube beheimatet ist“, sagt Emini Barka (geb. 1983 in Skopje), die seit 1992 in Wien lebt. „Trotz aller Stereotype und Vorurteile, die uns gegenüber herrschen, bin ich stolz eine Romnji zu sein“, erfährt der Leser von Amalia Buligovits, die erst seit einigen Jahren in Wien lebt und für den Katalog zur Ausstellung „Romane Thana – Orte der Roma und Sinti“, die vom Februar bis Mai 2015 im Wien Museum lief, interviewt wurde. Dieses Katalogbuch, das in Kooperation mit dem Landesmuseum Burgenland erarbeitet wurde, wo die Ausstellung von April bis November 2016 zu sehen war, liegt nun im Vorarlberg Museum in Bregenz auf. Die Beiträge zu den Ergänzungen, der für diesen Sommer nach Bregenz übernommenen Ausstellung will man nach und nach auf der Homepage und später im Museumsmagazin publizieren.

Mit Klischees aufräumen

Mit Klischees aufräumen, das hat die Ausstellungsmacher, darunter Kuratorin Andrea Härle, Geschäftsführerin des Romano Centro, vor zweieinhalb Jahren angetrieben. Die Motive sind nachvollziehbar. Dass Nomadentum und Ortlosigkeit immer noch wirkmächtige Stereotype  sind, vermittelt Härle mit dem Hinweis darauf, dass Roma an vielen Orten in Europa nach wie vor darum kämpfen müssen, bleiben zu können. Zehn bis zwölf Millionen Roma leben in Europa, in Österreich sind es, so die Ethnologin des Vorarlberg Museums, Theresia Anwander, 25.000 bis 45.000. Konkrete Zahlen seien schwer bzw. nicht zu ermitteln. Die Orte der Roma liegen laut dieser Aufarbeitung vor allem zwischen Burgenland und Wien. Die Darstellung, die in früheren Jahrzehnten unter anderem auch von Ethnologen getroffen wurde oder in die Zeiten von Vertreibung und Vernichtung unter den Nationalsozialisten oder zu Zwangsassimilation zurückreicht, ist extrem rassistisch geprägt, schwer zu ertragen, aber in ihrer Unerbittlichkeit wichtig. Man wolle nicht moralisierend auftreten, aber sensibilisieren, erklärte Museumsdirektor Andreas Rudigier beim ersten Rundgang durch die am heutigen Mittwochabend zu eröffnende Schau, in der die Geschichte des Leids offenbar wird, betroffen macht und wünschen lässt, dass auch jene damit konfrontiert werden, die nach wie vor mit Menschenverachtung und Unterstellungen agieren.

Banales

Um auch Menschen außerhalb des Museums zu erreichen, hat der Schweizer Mark Riklin unter anderem mit einigen Vorarlberger Fachhochschulstudenten Interventionen im öffentlichen Raum realisiert, in deren Rahmen Vorurteile hinterfragt bzw. entlarvt wurden. Ob man in der Tat so spielerisch drauf ist, in Anbetracht abgegebener Schuhe Überlegungen zu den Trägern anzustreben, um dann möglicherweise in Fallen zu tappen, sei dahingestellt. Dieser Aspekt der Schau nimmt sich so banal aus wie der Verweis auf die diesjährige Festspielproduktion „Carmen“. Die fiktive Figur ist Projektionsfläche und im Hinblick auf eine Auseinandersetzung mit dem vorherrschenden Frauenbild, mit Sexismus und Chauvinismus in Opernstoffen interessant, den Einkauf der „Romane Thana“-Ausstellung aus Wien und Eisenstadt auch mit dem Programm der Festspiele zu begründen, ist lächerlich. Wobei es freilich angebracht ist, sich kritisch mit „Zigeuner“-Klischees in der Literatur oder im Theater zu beschäftigen. Selbiges funktioniert aber nicht als kleiner Verweis mit ein paar Kostümfigurinen bzw. so zum Drüberstreuen.

Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist etwa die Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Werk der Malerin und Autorin Ceija Stojka. Zudem bietet das Vorarlberg Museum die Begegnung mit der aus Ravensburg stammenden Musikerin Dotschy Reinhard und lädt Menschen in Vorarlberg ein, sich in der Ausstellung den Ort zu nehmen, der ihnen zusteht, auch wenn sie sich, da Diskriminierung fürchtend, nicht als Sinti oder Roma zu erkennen geben. Eine Geste, die zum Nachdenken anregt und auf ein Thema verweist, das zu beschäftigen hat. In einem Land, in dem rassistische Bemerkungen und rassistisch motivierte Handlungen oder Entscheidungen leider wieder um sich greifen.

Auch ein unterstellter Nomadismus ist ein wesentliches Element des Antiziganismus.

Andrea Härle

Die Ausstellung wird am 24. Mai, 18 Uhr, im Vorarlberg Museum in Bregenz eröffnet und ist bis 8. Oktober zu besichtigen.