Auch in der Grafik ist er ein Aktionist

Kultur / 01.06.2017 • 18:16 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die überarbeiteten Blätter nennt er Unikatgrafiken.  Fotos: ag
Die überarbeiteten Blätter nennt er Unikatgrafiken. Fotos: ag

In Rankweil ist das druckgrafische Werk von Hermann Nitsch zu sehen.

RANKWEIL. Es sei an der Zeit gewesen, sich einen kleinen Überblick zu verschaffen, meint Markus Gell, der in seiner druckgrafischen Werkstatt seit ziemlich genau zehn Jahren für den und mit dem österreichischen Künstler Hermann Nitsch druckt. So zeigt die sehenswerte Ausstellung mit einigen der in Rankweil entstandenen Arbeiten Grafik, allen voran die technisch anspruchsvollen und aufwendigen, raffinierten, handüberschütteten, mit Lithografie und Radierung überarbeiteten Blätter, die Nitsch als Unikatgrafiken bezeichnet.

Gesamtkunstwerk

Obschon in den Rang eines Staatskünstlers erhoben, gilt der 1938 in Wien geborene, im niederösterreichischen Schloss Prinzendorf residierende Hermann Nitsch, dessen Name seit den 1960ern untrennbar mit dem Orgien-Mysterien-Theater als Lebens- und Gesamtkunstwerk verbunden ist, als einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Künstler Österreichs. Dass „der letzte Wiener Aktionist“, als der er jüngst von der FAZ betitelt wurde, aber auch etwas leiser, wenn auch nicht weniger obsessiv und intensiv kann, beweist die Auswahl von Druckgrafik, die in Rankweil fast zeitgleich mit einer Grafik-Ausstellung im Nitsch Museum in Mistelbach und noch vor der Personale des Künstlers in der Kunsthalle Arlberg 1800 in St. Christoph präsentiert wird. Das opulente grafische Werk macht im Oeuvre des einst an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien ausgebildeten Künstlers einen wesentlichen Part aus.

Organische Baupläne

Wie alles im Schaffen von Nitsch dem Gesamtkonzept des Orgien-Mysterien-Theaters, in dem alle Disziplinen gleichwertig nebeneinander existieren, als durch Inszenierung verstärktes Leben unterstellt, das von Maßlosigkeit und Ritual gleichermaßen bestimmt ist, scheint besonders das druckgrafische Werk technisch ausgereizt. Weit jenseits von herkömmlichen Druckerzeugnissen, mit einem Hang zum Visionären und Monumentalen, bilden die Architekturzeichnungen als Entwürfe für eine unterirdische Theateranlage bzw. Stadtarchitektur als ein weitläufiges System aus verschlungenen Gängen und Raumabfolgen die Basis und das zentrale Motiv. An abstrakte geometrische Strukturen, aber auch an organische Körperformen erinnernd, die Frage nach Analogien zwischen dem Bauplan des menschlichen Körpers und der Konzeption architektonischer Anlagen aufwerfend, überlagern sich geschüttete Farben und druckgrafische Techniken, wie Lithografie und die abschließende Radierung zu filigranen Liniengeflechten, Kreuzsymbolen und Verschlingungen, in die sich die schnörkelige Handschrift von Nitsch fast nahtlos und gut getarnt einfügt.

Nitsch ist einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Künstler Österreichs. 
Nitsch ist einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Künstler Österreichs. 

Die Ausstellung wird im Museum für Druckgrafik, Hartmanngasse 15a, in Rankweil, am Sa, 3.Juni als Nachmittag der offenen Tür von 15.30 bis 19 Uhr eröffnet. Geöffnet bis 24.Juni, Do und Fr, 18 bis 20 Uhr, Sa, 10 bis 12 Uhr.