Die Vermarktung des Porträts ist ihm ein Graus

Kultur / 02.06.2017 • 19:07 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die Vermarktung des Porträts ist ihm ein Graus

Der jüngste Bruder wendet sich gegen jede Mystifizierung von Ernesto Che Guevara.

ERinnerungen. Als er noch nicht der Che war, hatte Ernesto Guevara eine Angewohnheit, mit der er die ganze Familie halb wahnsinnig machte: Bücher mit aufs Klo zu nehmen und Ewigkeiten dort sitzen zu bleiben. Pech für den, der mal musste. „Bittet man ihn, endlich das Klo freizugeben, fängt er an, Gustave Flaubert, Alexandre Dumas oder Baudelaire zu zitieren, auf Französisch versteht sich, damit man sich noch mehr aufregt!“, weiß Juan Martín Guevara zu berichten. Juan Martín (74) ist der jüngste Bruder „Che“ Guevaras (1928-1967), des argentinischen Revolutionärs, der mit Fidel Castro auf Kuba kämpfte und in Bolivien erschossen wurde, als er die Revolution dorthin exportieren wollte. Sein früher Tod machte ihn zur Legende.

Juan Martín, 1943 als Nachzügler geboren, hat nun seine Erinnerungen publiziert. In dem Buch „Mein Bruder Che“, das die französische Journalistin Armelle Vincent für ihn schrieb, will er zeigen, wie der zur Ikone verklärte Comandante als Mensch wirklich war. Mystifizierung, Heiligenverehrung und die Vermarktung des Porträts in der Werbung sind ihm ein Graus. Es muss hoch hergegangen sein in der Familie Guevara de la Serna. Der Vater „ein Tangotänzer ohne Studienabschluss“, die Mutter aus guter Familie, die die Liaison missbilligte. Außer Ernesto und Juan Martín drei weitere Kinder, und wenn nicht gelesen wurde, wurde diskutiert. Als „liberale Bohemiens“ beschreibt Guevara die Eltern, als „etwas durchgeknallt“ die Familie. „Jeder von uns hat einen Sprung in der Schüssel“, heißt es in der Übersetzung. Bruder Ernesto trug abgerissene Klamotten, pfiff auf seine äußere Erscheinung – und trotzdem flogen die Frauen auf ihn.

Juan Martin Guevara/Armelle Vincent: „Mein Bruder Che“, Klett-Cotta, Tropen, 353 Seiten.

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