Kult ist, wenn es nicht besser geht

Kultur / 02.06.2017 • 21:04 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Installation
Installation “Votive Hare” von Aleksandra Domanovic.

Das Zeppelin-Museum steht für Technik und Kunst und bringt dies genial zum Ausdruck.

Friedrichshafen. Die Nachbildung jener Zeppeline, deren Produktion nach dem Unglück von Lakehurst vor 80 Jahren eingestellt wurde, ist wesentlich kleiner als die damaligen Luftschiffe. Doch schon wenn sie am Horizont auftauchen, richten sich viele Blicke auf sie. Gelegentlich bieten sie auch etwas zum Schmunzeln. Erscheint ein solcher Ausflugs-Zeppelin über der Fensterfront des Medienhauses in Schwarzach, wird dies amüsiert damit kommentiert, dass wir wieder torpediert werden. In der neuen Ausstellung im Zeppelin-Museum in Friedrichshafen darf man nun feststellen, dass es auch ganz profan geht. Mit Zeppelinen wurden selbst Klodeckel und Babywindeln geschmückt und in einem alten Film zur Aids-Prävention bekommt er ein Kondom übergestülpt.

Ist das Kult? Ja, denn die Zigarrenform fand man einst ebenso beim Christbaumschmuck, bei Spielsachen und immer noch bei Pralinen und Souvenirs. Seit er wieder fliegt bzw. fährt, taucht er auch wieder auf Postkarten und in Romanen wie „Der Zorn des Zeppelin“ von Kärger auf. Filmszenen gibt es sowieso jede Menge und auch die Band Led Zeppelin haben die Ausstellungsmacher nicht vergessen, die ein riesiges Sammelsurium an Devotionalien und Kitsch zusammengetragen und geordnet haben, das auch die dunklen Seiten streift, nämlich den Personenkult und die Vereinnahmung technischer Errungenschaften durch die Politik, die damit „eigene“ Leistungen preist.

Subtile Arbeiten

Damit sind wir im künstlerischen Teil, nämlich bei einer Videoarbeit des Türken Halil Altindere, die erst jüngst entstand, Ballerinas aus Tschaikowskys „Schwanensee“ mit bewaffneter Polizei konfrontiert, das Kräfteverhältnis aber auch austauscht und mit gewolltem Pathos Kritik an diktatorischen Systemen übt. Eine ungemein subtile Arbeit bestätigt, wie differenziert das Thema Kult in dieser Schau behandelt wird, die auch alle drei Teile jener Videoarbeit enthält, in der Yael Bartana die Entstehung und Folgen einer Bewegung behandelt. Es ist bezeichnend, dass dieses Werk, das einst auf der Biennale in Venedig auffiel, auch gerade in der großen „Revolution“-Ausstellung in Bern läuft. Als hervorragendes Beispiel unter vielen sei auch auf „Votive Hare“ von Aleksandra Domanovic verwiesen, der mit einem ins Dreidimensionale verwandelten „Feldhasen“ von Dürer eine Ikone der Kunst neu besetzt. Wie banale Gegenstände, etwa verschiedentlich aufgemotzte Kinderzahnbürsten, die als Objekte, die es in jedem Haushalt gab, ja auch Kult sind, in Kunst transformiert werden, zeigt Benedikt Hipp. Und neben zahlreichen weiteren Videoarbeiten – etwa auch „A portrait of Michael Jackson“ von Candice Breitz – dürfte jenes von Dani Gal dafür stehen, dass das Thema ein weitreichendes ist. Mit Hilfe der Methode des Reenactments hat er die Einäscherung des Nazi-Verbrechers Adolf Eichmann nach der Vollstreckung des Todesurteils verfilmt. Die Asche wurde in der Nacht auf dem Meer verstreut, niemand sollte dem an Millionen Morden beteiligten Täter eine „Kultstätte“ errichten können. Der Katalog wird Beiträge aus den Rahmenveranstaltungen enthalten und im Laufe der Ausstellungsdauer aufgelegt.

Kult um den Zeppelin auf Plakaten und mit Büsten.
Kult um den Zeppelin auf Plakaten und mit Büsten.
Wurden auch Kult: Votivgaben aus Kirchen.
Wurden auch Kult: Votivgaben aus Kirchen.
Aus der heuer entstandenen Videoarbeit „Ballerinas and Police“ des türkischen Künstlers Halil Altindere.  FotoS: VN/Dietrich
Aus der heuer entstandenen Videoarbeit „Ballerinas and Police“ des türkischen Künstlers Halil Altindere.  FotoS: VN/Dietrich

Die Ausstellung ist im Zeppelin-Museum in Friedrichshafen bis 15. Oktober geöffnet, täglich 9 bis 17 Uhr: www.zeppelin-museum.de

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