Musik-Uraufführung von beklemmender Aktualität

Kultur / 05.06.2017 • 21:19 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das „Ensemble plus“ mit dem Dirigenten Thomas Gertner und Mezzosopranistin Sigrid Plundrich in der Pfarrkirche Altach. Foto: JU
Das „Ensemble plus“ mit dem Dirigenten Thomas Gertner und Mezzosopranistin Sigrid Plundrich in der Pfarrkirche Altach. Foto: JU

Michael Floredos Werk „Flügelschlag“ kommt punktgenau zur Klima­attacke.

ALTACH. Das ist schon eine Krux mit der Neuen Musik in Vorarlberg. Da breitet Andreas Ticozzi mit seinem „Ensemble plus“ am Wochenende Michael Floredo als einem der wichtigsten Komponisten des Landes zu seinem bevorstehenden 50. Geburtstag den roten Teppich aus, Gemeinde, Pfarre und Medien ziehen mit – und dann verirren sich gerade mal etwa 50 Besucher in die geräumige Kirche. Dort bleiben die Fans dieser Töne zwar mit den rund 20 Musikern „entre nous“, erleben aber ein Porträtkonzert, wie man es sich besser und brisanter kaum denken kann.

Denn da spielt auch der Zufall mit, wenn genau einen Tag nach dem Ausstieg des amerikanischen Präsidenten Donald Trump aus dem Pariser Klimaschutzabkommen die Uraufführung von Floredos „Flügelschlag“ zum hoch aktuellen, verzweifelten Protest gegen solche Entscheidungen wird. Natürlich gleicht dieses künstlerische Aufbegehren aus dem kleinen Vorarlberg gegen die Weltmacht USA der Wirkung von Dackelgebell gegen den Mond – aber es ist ein wichtiges Zeichen, das von allen verstanden wird. Auch dank der eloquenten Moderation von Bettina Barnay, die im Gespräch mit dem Komponisten diese Zusammenhänge deutlich macht. Da ist vom berühmten Flügelschlag des Schmetterlings als Motto der Chaostheorie die Rede (die VN berichteten), auch von der Weisheit der Indianer angesichts der Zerstörung ihrer Umwelt. Die fabelhafte Mezzosopranistin Sigrid Plundrich artikuliert das in bedrohlich dunklen Tönen, gesungen und rezitiert. Es ist eine trügerische Idylle mit viel Gezwitscher im Holz, die uns Floredo da zunächst vorgaukelt, bevor es mit drei Posaunen und viel Percussion ans Eingemachte geht: als Mahnung zur Umkehr, bevor es zu spät ist. Seine musikalischen Mittel sind gezielt eingesetzt, ergeben deshalb auch besondere Wirkung. Das groß besetzte „Ensemble plus“ spielt dieses Werk unter der überlegenen Leitung von Thomas Gertner überaus eindrücklich.

Exzellente Darbietung

Fast in derselben Besetzung wird zuvor an jenes Stück erinnert, mit dem Michael Floredo 1992 der Durchbruch als Komponist gelungen ist. Auch wenn er nichts weiter als dieses „Padre nuestro“ geschrieben hätte, wäre ihm heute ein Ehrenplatz in der heimischen Szene sicher. Denn dieses in verschiedenen Sprachen gedeutete „Vater unser“ übt durch seine archaische Stimmung eine unglaubliche Sogwirkung auf den Zuhörer aus.

Man ist wie in Trance auf einem sanft perkussiven „Gebetsteppich“, eingelullt vom lateinischen Einton-Gesang der Musiker als einer Art Choralschola, den Glocken und Harfenklängen, dem inständig bittenden Vokalpart. Diese Wirkung verstärkt sich noch durch die dezente Kirchenakustik und die innere Ruhe, die die exzellente Darbietung ausstrahlt. Eine besondere Freude für den Komponisten: Bischof Erwin Kräutler, dem die zweite Fassung gewidmet ist, sitzt unter den Zuhörern, ebenso sein Lehrer Gerold Amann, dem er Wesentliches zu verdanken hat.

Eines von Floredos bisher meistgespielten Werken ist sein Klavierstück „Orpheus’ Rückkehr“, 1993 von Fuat Kent aus der Taufe gehoben. Die junge Akiko Shiochi steht ihm heute in nichts nach, macht in ihrer körperlich sprühenden Spielweise daraus einfach jenes gute Stück aktueller Klaviermusik, als das man es auch ohne nähere Befassung mit der verarbeiteten Zahlensymbolik des Pythagoras empfindet.

2015 in der Rankweiler Basilika uraufgeführt wurde „Kontemplation Geist – Nicht Geist“, ein aus kleinräumigem Material präzise entwickeltes Werk, das Lukas Nussbaumer, Sopransaxophon, Stefan Greussing, Perkussion, und Gerda Poppa, Orgel, in seiner ausdrucksstarken Gegensätzlichkeit bis zum explosiven Schluss verdichten. Vier Stücke dieses Komponisten aus verschiedenen Schaffensperioden, in ihrer Vielfalt schöpferischer Ideen und handwerklichen Könnens gespeist aus der Kraft des Glaubens und eines philosophischen Tiefgangs. Immer bleibt Floredo dabei er selber: einer der kreativsten Köpfe der Szene, konsequent in seiner Haltung.

Hörfunkwiedergabe:
10. Juli, 23.03 Uhr, Ö1

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