“Sie meinen sich, nicht Gott”

Kultur / 06.06.2017 • 22:42 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
"Sie meinen sich, nicht Gott"

Das Aktionstheater greift mit „Ich glaube“ erneut zu starken Themen und bleibt Festival-Partner.

Bregenz. (VN-cd) Wie es mit dem Festival „Bregenzer Frühling“ weitergeht, steht noch nicht zur Gänze fest. Dass es weiterhin Auftritte internationaler Tanzensembles geben wird, hat die neue Kulturamtsleiterin Jutta Dieing jedoch bereits angekündigt, die Art der Fortsetzung des Programms, mit dem ihr Vorgänger Wolfgang Fetz bislang hochkarätige Aufführungen als fixen Bestandteil des Angebots in der Region etabliert hat, wird im Herbst verlautbart.

Eine wichtige Kooperation ist aber bereits geebnet, Freunde anspruchsvoller Bühnenprojekte werden angetan davon sein, dass
das Aktionstheater-Ensemble unter der Leitung von Martin Gruber ein Partner des Festivals „Bregenzer Frühling“ bleibt. Das heißt, dass eine Produktion im Jahr weiterhin in diesem Rahmen gezeigt wird, bevor sie nach Wien kommt.

Zuletzt mit einem Nestroy-Preis ausgezeichnet, greift das Unternehmen nun erneut ein brisantes Thema auf. „Ich glaube“ lautet der Titel der Uraufführung, die am heutigen Abend in Bregenz stattfindet. Die Auseinandersetzung könnte kaum wichtiger sein. „Sie meinen sich, nicht Gott“, bringt Martin Gruber im Gespräch mit den VN die Mechanismen auf den Punkt, die uns alle beschäftigen. Und dabei geht es nicht nur um radikalisierte Islamisten, die reihum Menschenleben auslöschen und dabei meinen oder vorgeben, im göttlichen Auftrag zu handeln, es geht auch um Unterdrückungsmechanismen, etwa gegen Frauen, bei denen man sich auf die Religon beruft.

Kultur oder Religion?

„Es ist mir egal, ob es sich um den Koran oder die Bibel handelt. Weil da offenbar die absolute Wahrheit drinsteht, soll ich das Recht haben, die Menschen zu unterdrücken oder zu ermorden?“ Das sei, so Gruber, der zentrale Punkt des Stücks. „Jemand sagt, ich weiß, was richtig ist und ich drücke euch das jetzt hinein.“ Wahrhaftigkeit oder der Versuch von Wahrhaftigkeit sei für ihn und seine Künstler das wesentliche Wort gewesen. Wobei man selbstverständlich nicht mit dem Zeigefinger auf den Nahen Osten verweist oder nach Polen, sondern auch Mechanismen in Österreich meint. Wenn ein Strache in einer Parteirede plötzlich ein Kreuz hochhält, dann sieht Gruber darin die Gefahr, dass nun ein Reflex passiert, dass man sich auf unsere Kultur beruft. „Da frage ich, was ist das jetzt, ist das jetzt die Kultur oder die Religion oder die Spiritualität?“

Recherchen

Jeder der letzten Produktionen des Aktionstheaters sind Recherchen vorausgegangen, sei es nun „Kein Stück über Syrien“, das ausgezeichnet wurde, oder „Jeder gegen jeden“, das Werk, das im letzten Jahr im Rahmen des „Bregenzer Frühling“ uraufgeführt wurde. Dieses Mal wurde nicht mit Schriftstellern zusammengearbeitet und auch die Vorarbeiten muss man sich so vorstellen, dass Gruber nicht einfach auf die Menschen zugeht, weil er damit nur Stress erzeugen würde. Man traf sich also in entspannter Situation und stellte irgendwann dann auch ganz einfach die Gretchenfrage „Wie hältst du es mit der Religion?“. Das gesammelte Material bildet dann die Textbasis. „Ich nenne es eine Komposition“, erklärt Gruber seine Arbeitsweise. Was mit seinem Ensemble geschaffen wird, ist keinesfalls Doku-Theater. 

Und wie hielten es die Befragten mit der Religion? Die Frage habe, fasst Gruber zusammen, stets heftige Reaktionen ausgelöst. Man habe sehr kontrovers diskutiert und stets festgestellt, dass uns nicht allein der Zweifel verbindet, sondern interessanterweise die Liebe.

Mir ist es wichtig, diese Mechanismen zu zeigen.

Martin Gruber
Das Stück „Ich glaube“ wurde vom Aktionstheater unter Martin Gruber erarbeitet und wird am 7. Juni in Bregenz uraufgeführt. Foto: VN/Hartinger
Das Stück „Ich glaube“ wurde vom Aktionstheater unter Martin Gruber erarbeitet und wird am 7. Juni in Bregenz uraufgeführt. Foto: VN/Hartinger

Premiere: 7. Juni, 20 Uhr, shed 8 in Bregenz, Mariahilferstraße 29. Weitere Aufführungen: 8. und 9. Juni, jeweils 20 Uhr.