Am Ende ist es doch die Liebe

Kultur / 07.06.2017 • 18:36 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Stück „Ich glaube“ wurde gestern Abend vom Aktionstheater auf der Shed-8-Bühne in Bregenz uraufgeführt.  Foto: VN/Hartinger
Das Stück „Ich glaube“ wurde gestern Abend vom Aktionstheater auf der Shed-8-Bühne in Bregenz uraufgeführt. Foto: VN/Hartinger

Aktionstheater macht alltäglichen Glaubensdiskurs zum glaubhaft schönen Kunstwerk.

Bregenz. Ein Aspekt bleibt im Grunde genommen unausgesprochen und doch ist er da. Wer heute ein Stück mit „Ich glaube“ betitelt und dabei anführt, dass den unterschiedlichsten Facetten des Phänomens Glauben „vor der Kulisse einer durch Attentate verletzten Welt schonungslos auf den Grund gegangen wird“, schürt Erwartungen nach Thematisierung der Radikalisierung und des Fanatismus. Was tut das Aktionstheater aber? Statt Bombengürteln, Vermummung und Waffen gibt es auf der Bühne lediglich eine Wasserpistole, vor deren flüssig roter Munition bereits luzide Schirmchen Schutz bieten. Mit „Ich glaube“ maßt sich Aktionstheater-Leiter, Text- und Konzept-Verfasser Martin Gruber keinen
philosophisch-theologischen Diskurs an, der auf der Theaterbühne geführt ohnehin nur die Gefahr in sich birgt, sich darin zu verkeilen; reich an Erfahrung nach Stücken, in denen er bereits klug und eindrücklich Themen wie Alltagsrassismus, Populismus und Narzissmuss thematisierte, zeigt er bzw. zeigt sein Ensemble, das Textpassagen ja mitbestimmt, wie Metaphysik, Spiritualität oder Repression in den Alltag wirken.

Irgendwie die Eltern

Nur leise, aber unüberhörbar und unübersehbar schwingen die uns alle beschäftigenden Mechanismen mit. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ist das bei euch auch so?“, fragt Susanne. Alev antwortet nur mit einem kurzen „Allah!“ worauf Susanne wiederum bemerkt: „Ich glaube das nicht! Sonst würdet ihr das nicht tun!“

Was mit „das“ gemeint ist, dürfte jedem sofort klar sein, während Benjamin das Gespräch mit einem Satz umlenkt, oder doch wieder auf den Punkt bringt: „Ich glaube der Ursprung allen Übels sind irgendwie die Eltern.“ (. . .) „Er will mir immer seine Meinung aufs Aug drücken.“

Offenheit

Es ist die Direktheit, mit der Susanne Brandt, Alev Irmak, Martin Hemmer, Claudia Kottal und Benjamin Vanyek agieren, es ist die Naivität, die gespielt, aber nicht aufgesetzt wirkt, es sind die kleinen Gesten bis hin zum Posieren, die Assoziationen freisetzen und kulturgeschichtliche Faktoren vermitteln, es ist der choreografisch getaktete Wechsel von Coolness und Leidenschaft, das Aufeinandertreffen von harten Grooves und Schlagerschnulzen, mit dem Regisseur Martin Gruber sein Kunststück durch den Musiker Christian Musser versehen lässt, und es ist die Offenheit, die „Ich glaube“ so ansprechend macht.

Über Jahrhunderte haben Autoren danach getrachtet, dem Publikum den Spiegel vorzuhalten. Das war wichtig. Sich selbst miteinzubeziehen, schafft das Aktionstheater nicht nur methodisch großartig, es erreicht damit auch eine unvergleichliche Spannung.

Selbstverständlich ist ein Text, der unter anderem auf Recherchearbeiten und Umfrageergebnissen basiert, auch dann kein Doku-Theater, wenn man hoch amüsiert daran erinnert wird, dass Theologen in einer Zeit, in der grausame religiöse Faktoren im Vordergrund standen, auch mehr als nur skurrile Vorschriften verfassten. So hing der Schweregrad der Sünde bzw. der Verletzung des sechsten Gebots einmal davon ab, wie weit ein Mann in eine Frau eindrang. Bußgebete oder nach Zentimetern bemessenes Bußgeld machten es wieder gut.

Lange Aufführungsserie

Spaß beiseite, bei dem, was die Menschen verbindet, bleibt das Aktionstheater wunderbar ernst. Er sei selbst erstaunt darüber gewesen, wie rasch man in den Gesprächen doch immer wieder auf die Liebe gekommen sei, erzählte Martin Gruber im Vorfeld. Die Liebe, an der man sich festhalten möchte. Dass er auch das mit seinem Aktionstheater zur Wirkung kommen lässt, beschließt eine Produktion, deren Bilder lange haften bleiben und nach deren Start in Bregenz wohl eine lange Aufführungsserie folgen wird.

Weitere Aufführungen in Bregenz am 8. und 9. Juni im Shed 8, Mariahilferstraße, ab Oktober läuft die Produktion in Wien.