Der Abgrund ist gar tief und trügerisch schmal

16.06.2017 • 15:50 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Jérôme Ferrari, in Frankreich hochdekorierter Autor, ist ein so nüchterner wie leidenschaftlicher Chronist einer berstenden Welt. Foto: AP
Jérôme Ferrari, in Frankreich hochdekorierter Autor, ist ein so nüchterner wie leidenschaftlicher Chronist einer berstenden Welt. Foto: AP

Obwohl der französische Autor Jérôme Ferrari die Welt ins Dorf holt, bleibt das Spiel blutiger Ernst.

ROMAN. (pen) Wie kann man scheinbar ganz weit auseinanderliegende Sujets unter einen Hut bringen? Wenn man’s kann, ist’s nicht schwer, heißt es in der heilen Operettenwelt, das meint, es schaut dann so aus, als könnte es nicht anders sein. Obwohl Ferraris (geb. 1968) mittlerweile fünf Romane gerade mit der Operettenwelt rein gar nichts gemein haben, ist nicht zuletzt sie es, die am Horizont dieser Geschichten als einer der Dämonen auftaucht, die die fragile Wahrheit der Menschen bedrohen.

So divergierende Themen wie Terrorismus, Söldnertum, Karrierestreben und Neoliberalismus zum Beispiel fließen bei Jérôme Ferrari in einen Text, der schon im Titel das Ineinander aufzeigt. So weit entfernte Weltgegenden wie der Nahe Osten und die europäische Provinz rücken ganz eng zusammen, so eng, dass ein Menschenschicksal kaum mehr Unterschlupf darin findet. Ein verheerender Bombenanschlag auf einem arabischen Marktplatz und ein Meeting französischer Manager füllen dann ein und dasselbe Dasein aus, genauer: Sie sprengen es.

Jérôme Ferrari, in Frankreich bereits hochdekorierter Autor, ist ein so nüchterner wie leidenschaftlicher Chronist einer berstenden Welt, die nach und nach noch die privatesten, die intimsten Refugien in Brand steckt.

„Ein Gott ein Tier“ ist die Montage von Bildern unterschiedlichster Welten, Zustände, Erlebnisse, Wahrnehmungen und gleichzeitig ein in wenigen unmissverständlichen Strichen mit klaren Worten gezeichneter Übergang vom Großen ins Kleine; vom scheinbar Großen ins scheinbar Kleine; denn Ferrari: als Franzose, als Philosoph, nimmt die Aufklärung radikal ernst und somit den Einzelnen radikal in die Pflicht, was wiederum nichts anderes heißt, als: Er nimmt den Einzelnen ausweglos ins Dasein, in dem nichts ohne Bedeutung bleibt.

Eindringliche Sprache

Gnadenloser Krieg und verklärte Jugendliebe ebenso wie moderne Arbeits- und verschwindende dörfliche Lebenswelten: Das ist bei Ferrari auf kaum mehr als 100 Seiten ein zutiefst bedrängendes Panoptikum menschlicher Erfahrung. Erfahrung des Menschen: Was Menschen erfahren und die Erfahrung, was Menschen sein können.

Darüber schreibt er in eindringlicher Sprache, die keine Ausreden und kein Entkommen zulässt: für seine Prota­gonisten nicht und für die Leserinnen und Leser noch weniger. „Ein Gott ein Tier“ liest sich wie alle Ferrari-Bücher: zwischen atemloser Spannung und tiefer Nachdenklichkeit.

Jérôme Ferrari: „Ein Gott ein Tier“, Secession Verlag, 110 Seiten.