Ein Hauch von Kölnisch Wasser

Kultur / 16.06.2017 • 18:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ein Hauch von Kölnisch Wasser

In der Artenne Nenzing werden Fundstücke aus dem Alltag zu Kunststücken.

NENZING. Ein Hauch von 4711 Echt Kölnisch Wasser, dem „Wunderwasser“, durchweht derzeit die Artenne in Nenzing. Dabei geht es in der Ausstellung weniger um die vor allem bei älteren Generationen beliebte Duftikone, als vielmehr um Fundstücke, aus denen Kunst werden kann, und um Koordinaten. Doch das nur so nebenbei und eher zufällig, als Kuriosität am Rande. Oder wer hätte gewusst, dass Nenzing auf dem 47. Breitengrad, genauer 47 Grad und 11 Minuten nördlicher Breite liegt? Und somit wäre auch der Untertitel der Schau „Vom Fundstück zum Kunststück … und so den Raum betrat, auf 47sten Breitengrad“ erklärt.

Ein früher Wurm

Anknüpfend an die Ausstellung „Stöbern und Stolpern“ vom vergangenen Herbst, die Dachböden, Archive, Bibliotheken und andere Erinnerungsräume in den Fokus rückte, versammelt Kurator Karlheinz Pichler 16 künstlerische Positionen aus der Schweiz und aus Österreich. Nicht suchend, sondern findend, wird dergestalt Gefundenes, Alltägliches, Benutztes und Bekanntes der ursprünglichen Bedeutung und Funktion enthoben und durch künstlerische Eingriffe oder auch durch viel Erfindungsgabe auf Kunstebene gehievt. Das Momentum, in dem aus Material Kunst wird, steht im Zentrum einer Ausstellung, die sich nicht nur gut in den Kontext der Ausstellungsräume fügt, sondern auch kleine Überraschungen bereit hält. Dazu zählt eine sehr frühe Arbeit von Erwin Wurm aus den 1980ern. Wüsste man es nicht besser, würde man die zwei wild bemalten, zu einer Art Kopf zusammengenagelten Stuckatur-Kartätschen wohl kaum dem Biennale-Künstler von 2017 zuordnen. Eine sehr persönliche, mit seiner Biografie unmittelbar verknüpfte Arbeit, aus einem Prothesenschuh, einer Zeichnung und weiteren Utensilien fügt Oswald Oberhuber zu einem eigenwilligen Selbstporträt, während die Werke aus der Reihe „Automats“ (Abgüsse von Autofußmatten) bei Nita Tandon von kühler Betonästhetik bestimmt sind. „Vatertage“ heißt es in der komplexen Installation aus verkürztem Tisch und Stuhl des Vorarlberger Künstlers und Philosophen Hubert Matt, der persönliche Erinnerungen an den Vater und dessen Tischlerwerkstatt mit Objekten verknüpft, die wie versunken aus der Kindheit auftauchen.

Bitte nachturnen!

Plastikeinkaufstaschen, in Streifen geschnitten, verarbeitet May-Britt Nyberg Chromy zu einem Teppich oder abstrakten „Gemälden“, denen Kritik an Konsum- und Wegwerfgesellschaft innewohnt, während Ra‘anan Harlap, ein Artenne-Gast vom letzten Sommer, gefundene Balken und Hölzer auseinandernimmt und zu dreidimensionalen Zeichnungen neu zusammenfügt. Leuchtbuchstaben, vor etlichen Jahren von Alois Galehr von einer Deponie gerettet, liegen wie ein Haufen Scrabble-Steine in einer Ecke, und der Appenzeller Adalbert Fässler agiert in seinen schrägen Objekten und ungewöhnlichen Materialkombinationen mit viel Ironie. Wie Gebetsfahnen präsentieren sich die auf einem tibetanischen Druckstock hergestellten Holzdrucke der Salzburgerin Sonja Lixl, wohingegen der Bregenzerwälder Herbert Meusburger Materialverfremdung betreibt, wenn er eine Wärmeflasche aus Stein fertigt. Filigranes Arbeiten bestimmt die Buntstiftzeichnungen von Motorradoldtimern von Sigrid Hutter, während Rainer Schneider in seiner Installation „Deerhunter“ mit fotografischer Unschärfe spielt und Wolfgang Herburger
mit Anleitungspiktogrammen von Fitness-Parcours auf einer ÖBB-Zuganzeige zum Nachturnen auffordert. Zarte Arbeiten, konzeptuell angelegt, zeigt Nadine Hirschauer, die sich in Nenzing auf Spurensuche gemacht hat. Pflanzenabdrücke und Koordinaten verweisen auf Orte, die die Künstlerin mit ihren Gedanken und Vorschlägen für Handlungsmöglichkeiten als ein „Was wäre, wenn“ auf poetische Weise ergänzt.

„Vatertage“ heißt es in der komplexen Installation des Vorarlberger Künstlers und Philosophen Hubert Matt. Foto: AG
„Vatertage“ heißt es in der komplexen Installation des Vorarlberger Künstlers und Philosophen Hubert Matt. Foto: AG
Filigranes Arbeiten bestimmt die Buntstiftzeichnungen von Oldtimer-Motorrädern von Sigrid Hutter. FotoS: AG
Filigranes Arbeiten bestimmt die Buntstiftzeichnungen von Oldtimer-Motorrädern von Sigrid Hutter. FotoS: AG

Die Ausstellung ist in der Artenne, Kirchgasse 6, in Nenzing, bis 23. Juli geöffnet, Mi und So, 16 bis 19 Uhr, sowie bei Veranstaltungen und nach Voranmeldung unter 0664 73574514.