Mit einem kleinen Wunder an Legato- und Pianokultur

Kultur / 21.06.2017 • 18:54 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Tara Erraught. Fotos: Schubertiade
Tara Erraught. Fotos: Schubertiade

Schubertiade: Beklemmendes Stück Zeitgeschichte, tolle Einspringerin.

SCHWARZENBERG. Es war eine Königsidee, Hanns Eislers „Hollywooder Liederbuch“ nach Brecht-Texten aus den Kriegsjahren 1942/43 mit Gustav Mahlers weltschmerzbehafteten Liedern in 75 Minuten zu einer Art „Winterreise des 20. Jahrhunderts“ samt Schubert-Bezügen zu kombinieren. Mit dieser mutigen Entscheidung für die künstlerische Aufarbeitung eines düsteren Kapitels neuerer Zeitgeschichte hat sich der Veranstalter in den sonst meist ausgesparten Bereich der neueren Musik vorgewagt und so der Schubertiade einen wichtigen Input verliehen. Mit größtem Erfolg, denn der ausverkaufte Angelika-Kauffmann-Saal verfolgte am Dienstagabend die hoch spannende Darbietung durch Bariton Matthias Goerne und Pianist Markus Hinterhäuser in atemloser Stille und mit höchster Konzentration.

Hoffnungsschimmer

Eisler schrieb seinen Liederzyklus in der Emigration in Kalifornien, wohin es auch den Autor Bert Brecht verschlagen hatte. Die 19 Textvorlagen thematisieren die verheerende Situation in Europa und das Leben im Exil, aber auch die Rolle des Künstlers in der kapitalistischen Welt Hollywoods auf erschreckend fatalistische Weise („Über den Selbstmord“), in der nur ab und zu ein vager Hoffnungsschimmer aufkeimt („Frühling“) oder Detailverliebtheit Trost verschafft („An den kleinen Radioapparat“). Hanns Eisler hat dafür in seiner breit gefächerten, geschärften Sprache eine berührend detailreiche, kompakte und farbige Deutung gefunden, die bis zu expressionistischen und freitonalen Klängen reicht. Und gerade hierin trifft sich diese Musik stilistisch ideal mit Mahlers Jahrzehnte früher entstandenen, visionären „Wunderhorn“-Liedern und dem „Abschied“ aus dem „Lied von der Erde“, die den Zyklus einrahmen, so stimmig, als wären sie eigens dafür komponiert worden.

Herzensangelegenheit

Für die beiden Interpreten ist dieser Abend spürbar eine Herzensangelegenheit, so intensiv, dramatisch, so bis an die Grenzen gehend setzen sie Mahler wie Eisler um. Goernes Stimme wächst immer wieder bedrohlich aus der Tiefe auf, findet auch ganz leise Töne, Hinterhäuser ist weit mehr als der übliche Klavierbegleiter: Gerade beim „Abschied“ gestaltet er lange Klavierpassagen höchst sensibel aus. Nach einer Schweigeminute mündet der Jubel in Bachs stillen Todeschoral „Bist du bei mir“.

Offenbarung

Zuvor wurde ein Debüt auf Anhieb zur Entdeckung für das Festival. Zwar stand die irische Mezzosopranistin Tara Erraught (31) schon länger auf Gerd Nachbauers Programmliste, durch die Absage von Sara Connolly kam sie nun als Einspringerin früher als geplant. Die bei Brigitte Fassbaender ausgebildete Sängerin hat am Abend zuvor an der Oper München noch Dvoráks „Rusalka“ gesungen. Mit viel Courage setzt sie eines der schwierigsten französischen Liszt-Lieder, „Enfant, si j’étais roi“, an den Anfang, lässt ihren in allen Registern ausgeglichenen Mezzo vollmundig strömen, breitet ihre Klangwelt sacht über der fein gesponnenen Klavierbegleitung des jungen Südafrikaners James Baillieu aus. Das kommt auch einer „Loreley“-Vertonung von Liszt zugute, bei der sie ihre bühnenerprobte Mimik und Gestik ins Spiel bringt, ohne dabei für das Lied ihre Opernstimme auszupacken.

Nach Gesängen von Brahms und Wolf gelingt Erraught mit dem Liedrepertoire von Richard Strauss ein kleines Wunder an Legato- und Pianokultur, betörend in Intensität und Dichte der textlichen Aussage, wortdeutlich und ohne jeden Akzent. Das Lied „Allerseelen“ scheint sie zu Tränen zu rühren, „Zueignung“ oder „Morgen!“ werden zur Offenbarung großer Liedkultur, wie man sie auch hier kaum einmal in dieser letzten emotionalen Konsequenz gehört hat. Vor ihren irischen Zugaben freut sich Erraught: „Ich habe davon geträumt, einmal bei diesem Festival auftreten zu dürfen.“

Goerne und Hinterhäuser.
Goerne und Hinterhäuser.

Hörfunkwiedergabe Erraught: 22. Juni, 19.30 Uhr, Ö1, Schubertiade heute: 16 Uhr, Klaviertrio Le Magadure, Erben, Diluka; 20 Uhr, Ian Bostridge, Julius Drake (Winterreise)