Von der wundersamen Wandlung einer Sängerin und von András Schiff

Kultur / 22.06.2017 • 21:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Cellist Valentin Erben mit dem Geiger Gabriel Le Magadure und der Pianistin Shani Diluka. FotoS: Schubertiade
Cellist Valentin Erben mit dem Geiger Gabriel Le Magadure und der Pianistin Shani Diluka. FotoS: Schubertiade

Die zwei Seiten der Anna Lucia Richter, der besondere Klang eines Klaviertrios.

Schwarzenberg. Die Schubertiade ist auch immer wieder für Überraschungen gut. Zuletzt durch die hier bisher kaum in Erscheinung getretene deutsche Sopranistin Anna Lucia Richter (27). Sie war dem Pianisten András Schiff als Einspringerin aufgefallen, er bot ihr seine Betreuung als Klavierbegleiter an, und so debütierten die beiden am Mittwochabend vor vollem Saal mit einem reinen Schubertprogramm. Das Erstaunen des Auditoriums am Anfang ist groß. Hat sich Schiff, Gottvater der Schubert-Interpretation und derzeit auch mit einem Meisterkurs hier zugange, in seiner Zuwendung geirrt? Die junge Sängerin gibt sich seltsam affektiert, versteckt Lampenfieber hinter einer Maske der Unnahbarkeit, macht Pausen, wo keine sind. Wie eine chinesische Teepuppe spult sie ohne innere Bewegung ihr Programm ab, in Schönheit erstarrt, mit einer kindlich hellen, vibratoarmen Stimme, die eindimensional bleibt, kaum Farben einbringt und nicht berührt. Bei solchem Ausdrucksdefizit kann ein Lied wie „Viola“, das aus 19 Vierzeilern besteht, schon endlos wirken. Selten so gelangweilt bei Schubert. Auch die berühmten „Mignon-Lieder“ nach Goethe hat man im Vorjahr hier mit Marlis Petersen um vieles ergreifender gehört. András Schiff begleitet wie zu erwarten perfekt, allerdings sehr sacht und mit kleiner Flügelöffnung, um das zarte Gebilde nicht zu stören.

Nach der Pause ist Anna Lucia Richter wie verwandelt, viel freier. Sie wächst an ihren Aufgaben, bringt die gefürchtete Ballade vom „Zwerg“ mit respektabler Dramatik zustande, lässt die Zuhörer bei „Totengräbers Heimwehe“ erschauern und beim „Ave Maria“ dahinschmelzen: „O Jungfrau, eine Jungfrau ruft!“ Damit ist nun auch das Publikum einverstanden.

Erinnerungen

Der gestrige Nachmittag weckt für Langzeit-Schubertianer Erinnerungen an die Anfänge im Hohenemser Palast. Dort debütierte Valentin Erben 1984 als Cellist des 2008 aufgelösten, heute legendären Alban-Berg-Quartetts, mit dem zusammen er ein Stück Festivalgeschichte geschrieben hat. Heute ist der gebürtige Wiener rüstige 72 und will und kann das Musizieren noch immer nicht lassen. Aktuell hat er sich mit einem Paar im Klaviertrio gefunden, dem französischen Geiger Gabriel Le Magadure vom hier viel beschäftigten Quatuor Ebène und der aus Sri Lanka stammenden Pianistin Shani Diluka.

Die drei waren 2015 Einspringer, nun debütieren sie offiziell mit zwei bedeutenden romantischen Werken. Das frühe Klaviertrio H-Dur op. 8 von Johannes Brahms erklingt in einer 35 Jahre später entstandenen verkürzten Fassung, was der Ästhetik Brahms‘ entsprach: „Kein Ton zu viel, kein Ton zu wenig!“  Immer noch lang genug für den Durchschnittshörer, der sich auch ganz ohne musikwissenschaftliche Erkenntnisse einfach am sehnsüchtig dunklen Klang und den weit gespannten Melodiebögen dieser Musiker erfreut. Während dieses Stück hier eher selten aufscheint, gehört das B-Dur-Trio von Schubert seit Jahrzehnten zum beliebten Standard-Repertoire in unzähligen Darbietungen. Diese hier ist besonders lebendig musiziert und klangschön ausbalanciert, mit Mut, Geschmack und Individualität.

Die Schubertiade ist immer wieder auch für Überraschungen gut: Sopranistin Anna Lucia Richter und der Pianist András Schiff.
Die Schubertiade ist immer wieder auch für Überraschungen gut: Sopranistin Anna Lucia Richter und der Pianist András Schiff.

Hörfunkwiedergabe Klaviertrio:
27. Juni, 19.30 Uhr, Ö1
Schubertiade heute: 16 Uhr, Anja Harteros, Sopran; 20 Uhr, András Schiff, Klavier (Schubert)