Geniale Mischung, die sich Tag für Tag zeigt

Kultur / 23.06.2017 • 22:28 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Gestern Nachmittag erlebten die Besucher die unvergleichliche Anja Harteros. FotoS: Schubertiade
Gestern Nachmittag erlebten die Besucher die unvergleichliche Anja Harteros. FotoS: Schubertiade

Anja Harteros setzte ein weiteres Highlight in einer erfolgreichen Schubertiade-Saison.

SCHWARZENBERG. Die Sommerausgabe der Schubertiade geht nach zahlreichen bejubelten künstlerischen Highlights in den hier verfügbaren Sparten dieses Wochenende in die Zielgerade. Noch bevor endgültige Besucherzahlen vorliegen, kann nach Augenschein ein ungebrochen großes Interesse eines internationalen Fachpublikums festgestellt werden, das den 600 Plätze fassenden Angelika-Kauffmann-Saal in den 19 Konzerten während einer Woche des Öfteren zur Gänze füllte. Das heißt im Umkehrschluss, dass auch dieses Jahr das Angebot gestimmt hat, zugeschnitten auf ein Zielpublikum, das die Fremdenverkehrsbilanz des Bregenzerwaldes in der Vorsaison regelmäßig ordentlich auffettet.

Schubertiade ist einfach da, wo das Besondere zum Alltäglichen wird. Es ist diese geniale Mischung aus Hochkultur von Weltformat, Landschaft und Lebensart, die ihre Anziehungskraft bis heute nicht verloren hat und während der Saison Tag für Tag neu vorexerziert wird. Gerd Nachbauers Konzept hat sich in über 40 Jahren zu einem kostbaren Kleinod entwickelt, wie es besser, geschlossener kaum vorstellbar ist: Ein internationales Zentrum der Liedpflege mit Schwerpunkt Schubert, mit der ersten Garnitur an Interpreten, ständig sachte erneuert mit Nachwuchs, dazu Kammermusik und Klaviermusik und Werke anderer Komponisten aus Romantik und Klassik, fallweise auch Barock als Abrundung.

Hinterhäusers Abstecher

Vor allem eher konventionell eingestellte Besucher haben damit die Gewissheit, dass sie nur ganz selten mit der von ihnen wenig geschätzten Musik von „Neutönern“ konfrontiert werden. Manche sind, der Reaktion nach zu schließen, diesmal bei der Kombination von Mahler-Liedern mit dem berührenden „Hollywooder Liederbuch“ von Hanns Eisler nach Bert Brecht von 1942 eines Besseren belehrt worden. Neben dem Bariton Matthias Goerne als „Erfinder“ dieses Projektes hatte auch der neue Salzburger Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser als gleichberechtigter Partner am Klavier bei seinem Abstecher nach Vorarlberg entscheidenden Anteil an diesem Erfolg. Dies sollte der Schubertiade für die Zukunft Mut geben zu weiteren Projekten mit neuerer Musik.

Wenn man mit Künstlern spricht, bestätigen alle die wunderbare Atmosphäre, die sich hier gerade aus der Nähe mit den Zuhörern beim Mittagessen im Gasthaus ergibt, sie angreifbar, menschlich macht und sich später im Konzertsaal möglicherweise in Sympathiekundgebungen umsetzt. Ein Ort auch, wo sie endlich wieder einmal mit ihren Kollegen ins Gespräch kommen, die sich bei gemeinsamen Auftritten in Großstädten nach der Vorstellung irgendwo verlieren. Der architektonisch noch immer aufregende und akustisch auf höchster Qualitätsebene residierende Saal ist ein weiterer Anreiz auch für die ganz Großen, hier aufzutreten. Und das Publikum ist, hört man allenthalben, einfach glücklich, das mitzuerleben.

Bewundernswert ist auch der Umgang der Schubertiade mit Absagen, die in einem so dichten Programmablauf immer vorkommen können. Geschäftsführer Nachbauer ist bekannt dafür, dass er für solche Fälle einen zumindest gleichwertigen Ersatz im jeweiligen Fach in der Hinterhand bereithält. Diese Umsicht hat auch heuer zu spannenden Begegnungen geführt, als etwa der junge, dynamische Pianist Kit Armstrong, der bereits früher hier debütiert hatte, für Till Fellner einsprang.

Als noch spektakulärer erwies sich die Umbesetzung mit der jungen irischen Mezzosopranistin Tara Erraught. Sie sprang innerhalb eines Tages für ihre Stimmkollegin Sara Connolly ein. Die hier kaum bekannte Erraught, übrigens Publikumsliebling an der Staatsoper München, lächelte einfach ihre Anspannung weg und eroberte mit ihrer fantastischen Stimme und Ausdruckskraft vor allem mit Liedern von Richard Strauss die Herzen der Schubertianer, die sie nun alle gern wieder hören möchten. Die junge Frau mit ihrer so positiven Ausstrahlung hat auch ein beliebtes Gesellschaftsspiel unter den Festivalbesuchern neu entzündet. Es ist eine Art privates Ranking der Stammgäste, die oftmals heiß diskutieren, wer denn nun wirklich der oder die Bessere in einem bestimmten Bereich sei. Diskussionen, die angesichts der individuellen Sichtweise natürlich ergebnisoffen bleiben müssen. Aber spannend sind sie allemal.

Starsopranistin

Gestern Nachmittag erlebt ein restlos ausgebuchter Saal die unvergleichliche Anja Harteros (44), Starsopranistin mit griechischen Wurzeln, zum zweiten Mal nach ihrem gefeierten Debüt im Vorjahr. Und da werden nun, wie zu erwarten, auch höchstgespannte Erwartungen eingelöst an stimmlicher Schönheit, an unaufdringlicher Eleganz und Überzeugungskraft durch die Bühnenpräsenz einer Persönlichkeit, die sich neben der Oper ganz intensiv auch der kleinen Form verschrieben hat. Die „Grande Dame“ des Liedes lässt bei Schubert noch etwas Vorsicht walten, doch schon bei den „Venetianischen Liedern“ von Schumann geht sie mit koketten Anspielungen aus sich heraus und erreicht in den mit endlosem Atem bewältigten „Stille Tränen“ zwischen verhaltener Dramatik und feiner Liedpoesie einen ersten Glanzpunkt.

Ihre enorme stilistische Bandbreite beweist Anja Harteros mit den sieben frühen Liedern von Alban Berg, die ihr in ihrer spätromantisch-lyrischen Naturhaftigkeit besonders liegen. Hier bringt sie auch ihre dunklen Töne ins Spiel, bringt sich mit ihrem Temperament voll ins Geschehen ein und kommt zu einer mitreißend dichten, packenden Darstellung dieser oft hochdramatischen Gesänge voll innerer Spannung. Eine Auswahl von Richard-Strauss-Liedern ist danach nur noch wohlige Zuwaage auf Höchstniveau. Mit Wolfram Rieger hat sie einen Meister feinster Zwischentöne an ihrer Seite. Der Jubel ist beiden gewiss.

Heute, 11 Uhr Mandelring-Quartett; 16 Uhr, Cédric Pescia, Klavier;
20 Uhr, Christian Gerhaher.