Mit dem Kopf voran auf das vierte Siegerpodest

Kultur / 23.06.2017 • 19:57 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Und die zarten Zeichnungen von Olga Georgieva warten auch mit Überraschungen auf. Fotos: AG
Und die zarten Zeichnungen von Olga Georgieva warten auch mit Überraschungen auf. Fotos: AG

Im Kunstforum Montafon befassen sich neun Künstler mit „Brot & Spielen“.

SCHRUNS. „Panem et circenses“, Brot und Spiele, Essen und Unterhaltung. Was schon zur Zeit der alten Römer funktioniert hat, scheint auch heute noch ein probates Mittel, um die Bevölkerung zufriedenzustellen und ruhigzuhalten. Wahlgeschenke und Großereignisse, vor allem auch sportlicher Art, lenken von wirtschaftlichen und politischen Problemen ab. Vor dem Hintergrund aktueller (und zeitloser) gesellschaftspolitischer Entwicklungen nimmt der künstlerische Leiter des Kunstforum Montafon, der Maler Roland Haas, das geflügelte Wort des Dichters Juvenal zum Anlass und Titel der Sommerausstellung in der ehemaligen Schrunser Lodenfabrik, die Spielerisches und Kritisches bietet.

Auf der Bühne mit Madonna

Anders als bei bisherigen Gruppenausstellungen wurde Haas bei der Recherche kaum fündig. Nicht auf bekannte, bereits bestehende Werke zurückgreifen könnend, hat er neun internationale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, zu einem Thema, das viele Andockungspunkte bietet, und eigens auf die Ausstellung hin zu arbeiten.

Die Gladiatoren von heute heißen Ronaldo oder Lady Gaga, ihre Arenen sind Fußballstadien und Konzertbühnen. Mit einem Superstar, der amerikanischen Sängerin Madonna, nimmt es auch der deutsche Fotograf Andreas Gursky (1955), in seinem Metier ebenfalls ein Star, auf. Auf seinem großformatigen, fast sakral anmutenden Madonna-Foto verschmelzen in Überschärfe und Multiperspektive verschiedene Ansichten der Düsseldorfer Bühnenshow der Pop-Ikone. Eine eigene Show bietet dagegen der österreichische Künstler Linus Riepler (1984). Statt virtual reality baut der Künstler mit „Sperrstunde“ mit analogem Witz eine Installation, die über ein paar Stufen mit dem Kopf zu betreten ist. Was nichts anderes heißt, als dass man als Besucher seinen Kopf in eine Box steckt und sich inmitten einer puppenstubenartig nachgebauten amerikanischen Bar, der Erinnerung des Künstlers und einem tatsächlichen Ort nachempfunden, befindet. Ein Spiel mit Nähe und Distanz bietet auch der Salzburger Maler Konrad Winter (1963). Was sich in Salzburg ja geradezu aufdrängt, zeigt Winter unter dem mehrdeutigen Titel „Der Kaiser kommt“ in zwei Arbeiten, die das Publikum im Fußballstadion und beim Skirennen zeigen.

Risiko

Einen schnellen Schnappschuss in langwieriger Handarbeit, Fläche für Fläche und Farbe für Farbe rekonstruierend, zersetzen sich die Bilder beim Näherkommen in einzelne Farbfelder. Erst aus einer gewissen Distanz lässt sich das Motiv ausmachen. Die Flüchtlingsproblematik ist ein Thema, das die aus Feldkirch stammende Medienkünstlerin Ruth Schnell (1956) schon seit längerer Zeit stark bewegt. Während sie in der zweiteiligen Arbeit „Die Magie der Meere“ auf vergoldeten Platten grafisch aufgelöste Stacheldrahtmuster und die Fähr- und Flüchtlingsrouten auf dem Mittelmeer darstellt, fährt in der Bodeninstallation „Risiko“ (benannt nach dem Spiel) ein 3D-Drucker-Roboter entlang der auf den Boden aufgemalten Mittelmeerlinie und spuckt in einem fort kleine, leuchtendrote Umzäunungen aus. „Wir führen ein privilegiertes Leben, aber zu unserem Wohlstand haben auch andere beigetragen“, merkt Ruth Schnell an. Bestickte Lederhosen aus Sri Lanka und Lustenauer Stickereistoffe für Nigeria, mit fremdproduzierten und für die Fremde produzierten Waren, als zwei ornamentale Sprachen übereinander geschichtet, beschäftigt sich Sascha Reichstein (1971). Ein verwelktes Blatt, spielerisch und poetisch, ist Hauptdarsteller in Thomas Ellers (1964) Videoarbeit, während Olga Georgieva (1986), neben weiteren Arbeiten von Anja Manfredi (1978) und Christian Rupp (1970), mit einem Siegertreppchen für vierte Plätze und zarten Zeichnungen, die Überraschungen bereithalten, aufwartet.

Linus Riepler baute im Kunstforum eine Installation, die über ein paar Stufen „mit dem Kopf zu betreten“ ist.
Linus Riepler baute im Kunstforum eine Installation, die über ein paar Stufen „mit dem Kopf zu betreten“ ist.

Die Ausstellung ist im Kunstforum Montafon, Kronengasse 6, in Schruns, bis 12. August geöffnet, Di bis Sa, 16 bis 18 Uhr, Do, 16 bis 20 Uhr.