Da wird ein Klosterhof zum Vergnügungsviertel

Kultur / 25.06.2017 • 21:21 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Im Zentrum des Werks steht Loreley als große Verführerin.
Im Zentrum des Werks steht Loreley als große Verführerin.

„Loreley“ unter freiem Himmel zu platzieren, zeugt in mehrfacher Hinsicht von Mut.

St. Gallen. Beobachtern und Besuchern der Bregenzer Festspiele sind einige der Namen bekannt. Bevor der Prager Philharmonische Chor heuer bei „Carmen“ auf dem See und „Moses in Ägypten“ im Haus zum Einsatz kommt, bemüht er sich im Klosterhof von St. Gallen im Verbund mit dem dortigen Theaterchor mit Erfolg darum, dass das Publikum den Klang der selten aufgeführten Oper „Loreley“ von Alfredo Catalani (1854–1893) im Ohr behält. Catalani? Ja, das ist jener italienische Komponist, von dem „La Wally“ immer wieder einmal auf den Spielplänen auftaucht, wobei hier die Bregenzer Steigbügelhalter waren, befeuerte Festspiel-Intendant Alfred Wopmann doch im Sommer 1990 mit einer starken Inszenierung des Briten Tim Albery die Wiederentdeckung dieses Werks. Die 1890 in Turin uraufgeführte und noch weit weniger bekannte Catalani-Oper „Loreley“ unter freiem Himmel zu spielen, wo das Interesse von Tausenden Besuchern quasi eine Notwendigkeit ist, zeugt auch dann von besonderem Mut der St. Galler Festspielleitung, wenn man weiß, dass man mit „Le Cid“ von Massenet im Vorjahr bereits viel Innovationswillen bekundete.

Feldkircher dabei

Es ist weniger die Handlung, die für „Loreley“ mit ihrem schwachen Libretto spricht, als das Opernschaffen oder der Musikstil Catalanis. Um sich damit beschäftigen zu können, tauchen seine Werke auch im Rahmenprogramm zur Freiluftproduktion auf, darunter seine schon früh komponierte Missa in e-Moll, die auch der Feldkircher Kammerchor unter Benjamin Lack gerade einstudiert, um damit neben den Pragern am 6. Juli in der Kathedrale zu St. Gallen auftreten zu können.

Den Platz davor, den Klosterhof, hat der renommierte Regisseur David Alden, den man in der Region vor allem von Inszenierungen an der Staatsoper in München kennt, gemeinsam mit seinen Ausstattern Gideon Davey und Jon Morrell zum Vergnügungsviertel erklärt. Reste eines Rollercoasters, einer Geisterbahn sowie ein Kinderkarussell und Spielautomaten befinden sich auf einer Waldlichtung, auf der clownesk oder märchenhaft gekleidetes Volk auftaucht und die vier Hauptfiguren gar nicht so recht wahrzunehmen scheint. Die zentrale Begrenzung bildet wie immer die Kathedrale selbst, weil die kirchliche Macht in diesem Fall aber kaum eine Rolle spielt, bleibt sie meist dunkel oder wird zum Teil von Fachwerk-Romantik oder einem Felsen verstellt. Den Rhein, an dessen Ufer die sagenhafte Loreley thront, braucht Alden nicht, wenn er sich auf das Innenleben der Figuren konzentriert und dabei mit verlassenen und damit aus der Bahn geworfenen Frauenfiguren zu Beginn auch Literatur- oder Opernsujets vorbeiziehen lässt.

Die junge Loreley zahlt es ihrem untreuen Walter heim, indem ihre Verführungskraft – bildlich bestens dargestellt – außer Rand und Band gerät. Dafür verschreibt sie sich dem Rheinkönig, wird bei Alden aber nicht nur zu Stein, sondern ganz profan das schöne, käufliche Mädchen in der Bar neben der Achterbahn, in deren Gestänge Walter schließlich sein Ende findet. Die ihm versprochene und somit ebenfalls verlassene Anna ist schon zuvor draufgegangen, und auch sein Freund Hermann hat sich verbrannt. 

Ein Mirakel

Alles, was an Psychologie im Stoff vorhanden ist, lässt Alden bunt, schaurig oder auch plakativ durchspielen. Dass die Kulinarik, die Choreografin Beate Vollack anstrebt, und die Symbolik der Regie einander nicht behindern, sondern ergänzen, ist dem packenden Gesamtzugriff zu verdanken und im Grunde das Mirakel auf dem Klosterhof.

Als Mitglied der Scapiglia­tura, einer Gruppe von Reformern, denen auch jener Franco Faccio angehörte, von dem in Bregenz im Vorjahr das vergessene Werk „Amleto“ geboten wurde, hat sich Catalani mit Wagner befasst. Der Stil weist darüberhinaus zu den Franzosen seiner Zeit, kommt unter dem Dirigat von Stefan Blunier zum Leuchten und findet in Derek Taylor (Walter) und Elena Rossi (Loreley) gute Vertreter, die mittlerweile in St. Gallen einer exzellenten Akustik-Anlage vertrauen können.

Alfredo Catalanis Oper „Loreley“ wird vor der Kathedrale in St. Gallen aufgeführt.  Fotos: Theater/Suter
Alfredo Catalanis Oper „Loreley“ wird vor der Kathedrale in St. Gallen aufgeführt. Fotos: Theater/Suter
Da wird ein Klosterhof zum Vergnügungsviertel
Da wird ein Klosterhof zum Vergnügungsviertel
Da wird ein Klosterhof zum Vergnügungsviertel
Da wird ein Klosterhof zum Vergnügungsviertel
Da wird ein Klosterhof zum Vergnügungsviertel

Nächste Aufführung von Loreley auf dem Klosterhof am 27. Juni, weitere bis 7. Juli; Konzert mit dem Kammerchor Feldkirch am 6. Juli in der Kathedrale: www.theatersg.ch