Fünf Kilo, mehrere Jahre und jede Menge Neues

Kultur / 30.06.2017 • 20:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Tobias Natter:
Tobias Natter: “Es war wichtig, den ganzen Schiele zu zeigen.”

Das Schiele-Gedenkjahr 2018 kann kommen. Tobias Natter hat ein umfangreiches Werkverzeichnis erarbeitet.

Wien, Bregenz. (VN-cd) In den Jahren 1908 und 1909 malte Egon Schiele beinahe wie Gustav Klimt. Bei raschem Blick könnte die Urheberschaft sogar falsch zugeordnet werden, eines der Frauenbildnisse mit goldenem oder floralem Hintergrund zeigt mit einer Danae sogar ein Motiv, das selbst jene mit Klimt in Verbindung bringen können, denen die österreichische Kunst um 1900 weniger geläufig ist.

Tobias Natter, Kunsthistoriker aus Vorarlberg, einstiger Direktor des Landesmuseums in Bregenz und des Wiener Leopold Museums, Kurator von Ausstellungen in Wien, Frankfurt, New York und Hamburg sowie Autor mehrerer Bücher, ist Experte auf dem Gebiet. Nach einer Werk-Ausgabe zum erwähnten Gustav Klimt (1862–1918) liegt nun der Schiele-Band vor. Er hat über 600 Seiten, bringt gute fünf Kilo auf die Waage, enthält unter anderem Abbildungen in fulminanter Faksimile-Qualität, bietet Lektüre für sehr lange Sommerferien, dürfte von jedem, der das großformatige Werk in den Händen hält, aber wohl nur mit großer Sorgfalt auf dem Schreibtisch durchblättert werden. Die letzte Werk-Ausgabe liegt nahezu dreißig Jahre zurück. Wer über Egon Schiele (1890–1918) Bescheid wissen will, wird überreich bedient. Das Gedenkjahr 2018 – Egon Schiele starb am 31. Oktober 1918 an den Folgen einer Grippe – mit seinen Ausstellungen und sonstigen Veranstaltungen kann kommen.

Entdeckungen

Natter zeigt den ganzen Schiele, konzentriert sich aber vor allem auf die Jahre nach 1910, als sich Schiele nicht nur freizeichnet, sondern sich auch von Klimt freimalt. Die Situation, der sich die Künstler damals in Österreich zu stellen hatten, wird von verschiedenen Mitautoren beleuchtet. Im Fokus steht ein Künstler, der mit Identitäten spielt. Nicht zufällig hegen, wie Tobias Natter im Gespräch mit den VN erwähnt, Spitzenstars des Pop-Business heuer Interesse an Schiele, der sich seinem Betrachter sowohl als extrovertierter Performer zuwendet als auch als leiser, in sich gekehrter Melancholiker. Dass ihn die Nachwelt einmal bewundern werde, wie der Künstler meinte, hat sich längst erfüllt. Die dreijährige Arbeit am Werkverzeichnis erwähnt auch jüngste Ergebnisse der Provenienzforschung und selbstverständlich den Verweis auf Unvollendetes. Interessant ist auch die Tatsache, dass Natter insgesamt sechs Schiele-Werke entdecken konnte, die bislang in keinem Verzeichnis Erwähnung fanden. Dazu zählen etwa eine „Gartenlandschaft“  aus dem Jahr 1911 oder das Gemälde „Stein an der Donau in der späten Abendsonne“, 1913, das der Kunsthistoriker für sehr wichtig erachtet, dessen Verbleib aber noch unbekannt ist. Der Band bedient jegliches wissenschaftliches Interesse sowie den Genuss von Schieles Farbsinn.

Egon Schiele: „Zwei Mädchen auf einer Fransendecke“, 1911, Bleistift, Aquarelle, Tusche und Gouache. FotoS: Verlag Taschen, VN
Egon Schiele: „Zwei Mädchen auf einer Fransendecke“, 1911, Bleistift, Aquarelle, Tusche und Gouache. FotoS: Verlag Taschen, VN

Der großformatige Bildband „Egon Schiele. Sämtliche Gemälde 1909-1918“ von Tobias Natter ist im Verlag Taschen erschienen.