Keinesfalls beschönigend

Kultur / 30.06.2017 • 18:11 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
Keinesfalls beschönigend

„Gentleman auf Zeit“ von Sebastian Barry enthält wieder eine Figur aus der eigenen Familiengeschichte.

Roman. In „Die Zeitläufte des Eneas McNulty“ (1999) erzählt er die Geschichte von Jacks Bruder, gefangen in den Mahlsteinen finster gewaltsamer Konflikte in Irland rund um den Ersten Weltkrieg. In „Ein verborgenes Leben“ (2009) lässt er Schwägerin Roseanne nach mehr als 50 Jahren in einer Psychiatrie das eigene Leben voller fürchterlicher Familienkatastrophen niederschreiben und am Ende genau die Erlösung erleben, nach der Jack McNulty sich so sehnt.

Aber nun, in „Gentleman auf Zeit“ bekommt nicht das Opfer das Wort, sondern der Hauptschuldige am Scheitern eines anderen. Jack ist ein intelligenter, charmanter Trinker, ein einsichtsvoller, reumütiger Versager mit scharfer Beobachtungsgabe, der Konsequenzen immer bis fünf nach zwölf aufschiebt. Sebastian Barry gehört zur ersten britisch-irischen Erzählergarde mit Kollegen wie Ian Mc­Ewan, Julian Barnes und John Banville. Er erzählt spannend ohne Längen und packt auch diese Katastrophe ohne Beschönigung in seine poetisch weiche Sprache. Er wird nie müde, die Chance auf einen Neuanfang zu sehen.

Sebastian Barry: „Gentleman auf Zeit“, Steidl Verlag, 288 Seiten.