„Das Glück kommt zu mir, ich muss eigentlich nur lernen“

Kultur / 13.08.2017 • 18:59 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Lena Belkina zum „Carmen“-Schluss: „Die Idee finde ich genial und diese kann man nur hier in Bregenz umsetzten.“Foto: BF/Forster
Lena Belkina zum „Carmen“-Schluss: „Die Idee finde ich genial und diese kann man nur hier in Bregenz umsetzten.“Foto: BF/Forster

Das „Carmen“-Finale, das nur am See möglich ist, findet Lena Belkina „einfach genial“.

Bregenz. (VN-cd) Sie kommt aus der Ukraine und hat sich bereits ein enormes Repertoire erarbeitet. Als die Festspiele bei Lena Belkina (geb. 1987) anriefen, hat sie gar nicht erst nachgedacht, sondern, wie sie sich zurückerinnert, aufgrund der internationalen Bedeutung des Festivals und des guten Rufs der See-Produktionen sofort zugesagt. Sie debütierte heuer als Carmen auf der Seebühne und hat bei der Eröffnung auch mit der Urfassung der „Habanera“ begeistert.

Sie debütieren in dieser Rolle an einem sehr speziellen Ort. Wo liegt die größte Herausforderung?

Belkina: Es sind die akustischen Faktoren, die man in den Griff bekommen muss. Mehr Wellen oder viel Wind beeinträchtigen das Hören. Wenn man das Orchester gut hört und auf den Monitor sieht, kann man sich aber sehr gut auf die Gegebenheiten einstellen.

Die Bühne mit diesen Karten ist riesig, wie ist sie rein körperlich zu bewältigen?

Belkina: Man muss auf jeden Fall fit sein. Wir gehen ganz nach oben und ganz nach unten. Das gibt aber alles Sinn. Der Regisseur hat sehr intensiv mit uns gearbeitet. Die Rolle der Carmen ist hier mit drei Sängerinnen besetzt. Kasper Holten ist auf unsere Persönlichkeit eingegangen und hat nicht einfach gesagt, dass jede zu spielen hat, was er will. Ich habe übrigens auch noch nie unter freiem Himmel gespielt, aber das gibt mir auch Kraft, man fühlt sich eng verbunden mit der Natur.

Welche Aspekte waren wichtig, als Sie sich die Rolle der Carmen erarbeitet haben?

Belkina: Ich habe länger schon geträumt, die Carmen zu singen. Es kam aber einfach noch nicht dazu, ich bin erst 29 Jahre alt, ich habe viele Rossini-Rollen gesungen und dachte, nur nicht zu früh ins schwere Fach gehen. Ich habe dann aber festgestellt, dass mir die Rolle viel Spaß macht und meiner Stimme sehr gut liegt. Man kann sehr gut zeigen, was für einen Charakter Carmen hat und das steht alles in der Musik.

Was ist sie für eine Frau? Wie sehen Sie diese Figur? Inwieweit können Sie sich einbringen?

Belkina: Ich möchte Carmen keinesfalls als vulgäre Frau spielen. Das ist sie nicht. Sie ist extrem stark, aber niemand soll sie besitzen. Wenn sie sich durch die Liebe eines Mannes unter Druck gesetzt fühlt, dann flieht sie davor.

Könnte sie glücklich werden, wenn es eine Liebe gibt, die sie nicht einengt?

Belkina: Das weiß ich nicht, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sozusagen sesshaft wird. Es ist schon richtig, Carmen ist auch ein wenig wie ein weiblicher Don Giovanni.

Die Männer um sie herum sind aber auch ziemliche Machos. Am Schluss weiß sie doch, worauf sie sich einlässt, wenn sie sich mit Don José trifft, der sie umbringt.

Belkina: Sie weiß mit Sicherheit, worauf sie sich einlässt, sie provoziert ihn ja auch. Das eigentliche Drama geht einem sehr nahe, weil da zwei Menschen aneinander vorbeireden.

Der Schluss ist in der Inszenierung auf der Seebühne ein besonders tragischer. Carmen wird ertränkt. Sie können nicht gedoubelt werden, mussten Tauchen lernen, wie kommen Sie damit zurecht?

Belkina: Die Idee finde ich genial und diese kann man nur hier in Bregenz umsetzen, obwohl ich mir am Anfang schon Sorgen gemacht habe, ob das funktioniert. Das sieht sehr dramatisch aus. Ich mag es, die Kombination aus künstlerischer Darstellung, Gesang und körperlicher Herausforderung zu zeigen. Carmen kämpft um ihr Leben, aber schafft es nicht, den Fängen von Jose zu entfliehen.

Sie haben relativ jung angefangen zu singen, wussten Sie früh, welcher Ihr Weg ist?

Belkina: Meine Mutter hat erzählt, dass ich zuerst singen konnte und dann erst richtig sprechen. Wenn ich ein Lied hörte, konnte ich es mir gleich merken. Ich komme aus einer kleinen Stadt auf der Krim, wir hatten an der Musikschule keinen Gesangsunterricht. Ich sollte Geige lernen, habe aber gleich gesagt, dass mir das viel zu schwer ist, so habe ich Klavier gespielt, aber gewusst, dass ich eigentlich singen will. Im Alter von 14 Jahren habe ich den ersten Gesangsunterricht bekommen. Das hat mich von der ersten Stunde an fasziniert. Ich bin rasch weitergekommen und habe mit 21 Jahren an der Oper in Leipzig angefangen.

In welche Richtung möchten Sie Ihr Repertoire erweitern? Welche Rollen möchten Sie sich in nächster Zeit erarbeiten?

Belkina: Ich bin wirklich sehr glücklich, das Glück kommt eigentlich zu mir, ich muss nur lernen. Ich verbringe jeden Tag damit, Neues zu lernen. Die Rollen, die ich singen wollte, habe ich auch bekommen. Rossinis Rosina habe ich mit 24 in Düsseldorf gesungen, dann in Tokio, aktuell in Genf, dann kam die Cenerentola, dann auch Rollen in weniger bekannten Rossini-Opern bei den Festspielen in Pesaro. Jetzt kommt dann „Donna del lago“ in der Regie des Countertenors Max Cencic. Ich finde es schön, dass es für Mezzosopranistinnen immer mehr zu singen gibt. Ins Verdi-Fach will ich jetzt noch nicht, aber vielleicht irgendwann . . . Zu meinen Traumrollen zählen Rosenkavalier und Dalila.

Sie singen aber auch sehr viel Lieder, etwa Mahler.

Belkina: Ja, ich liebe Orchesterlieder, ich liebe Mahler, er ist mein Favorit, ebenso gerne singe ich Mussorgsky. Im November werde ich eine weitere CD mit den Liedern von Tschaikovsky und Rachmaninov aufnehmen. Was meiner Stimme liegt, das möchte ich alles machen.

„Carmen“ steht noch vom 15. bis 20. August auf dem Festspiel-Programm und wird im kommenden Jahr wiederaufgenommen.