Ein Lokalbericht mit großräumigem Anspruch

25.08.2017 • 17:09 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Hermann Burger (1942–1989) im hellen Sonnenschein, graue Hose, weißes Hemd. Foto: Schweizerisches Literaturarchiv Bern
Hermann Burger (1942–1989) im hellen Sonnenschein, graue Hose, weißes Hemd. Foto: Schweizerisches Literaturarchiv Bern

So froh macht nur etwas sehr Ernstes, etwa aus Hermann Burgers Nachlass.

ROMAN. (pen) Natürlich stechen gleich die Bilder ins Auge, schon des fantastischen Papiers wegen, auf das sie gedruckt sind. Hochglanz, wem Hochglanz gebührt. So auf der Seite 235: Hermann Burger (1942–1989) im hellen Sonnenschein, graue Hose, weißes Hemd, Strohhut, Brille, Zigarette im Mundwinkel, auf einem altmodischen Stuhl mit orange-grünem Polster an einem Tischchen sitzend, blau kariertes Tischtuch, darauf eine Schreibmaschine (Hermes Media 3) mit eingespanntem Blatt, die rechte Hand dreht an der Walze, die linke liegt auf einem Buch, laut Bild-Erläuterung ist es Günter Grass‘ „Blechtrommel“ in der illustrierten Ausgabe der Fischer Bücherei von 1962, konzentrierter Blick auf den getippten Text; im Hintergrund eine grüne Gießkanne, ein bunt gestreifter zusammengeklappter Klappsessel; eine Steinsäule, gotisch anmutend, das Ganze offenbar auf einer Terrasse, in einem Park, sonnenbeschienen, zu finden auf 46°07’37,1“N/8°42’19,9“E: So steht es im anzuzeigenden Buch zu lesen. Dass hier der für die Buchbesprechung zur Verfügung stehende Platz bereits beinahe aufgebraucht ist, ist einerseits schade, andererseits darf es getrost so sein, denn lesen muss das Buch sowieso jede/r selbst, wobei das „muss“ wörtlich zu nehmen ist; und sein und seines Autors Geist ist in dieser Fotografie auf das Feinste belegt.

Simon Zumsteg, der gelehrte Burger-Intimus und -Forscher, der die Herausgabe des „Lokalberichts“ wesentlich verantwortet, beschreibt in seinem Kommentar die Historie dieses Textes in all ihren Facetten derart lebendig, dass man meint, Burger müsse jeden Moment von seinem oben geschilderten Schreibtischchen aufstehen und dem posthumen Leser über die Schulter blicken oder noch besser: auf dieselbe klopfen und sich mit einem seiner vielen Zaubertricks erst recht ins Spiel bringen.

Zutage gefördert

Es ist sehr schön, dass über die wunderbare, achtbändige Werkausgabe (Nagel & Kimche, 2014) hinaus noch solche Burger-Trouvaillen zutage gefördert werden. Ihr Thema? Verlangt man womöglich sogar nach einem Plot? Sind wir denn beim „Tatort“? Burger schreibt Geschichten, nein: Sätze. Und er schaut sich dabei zu. Auch die Leserin sollte sich selbst dabei nicht aus dem Auge lassen, wenn sie Sätze liest wie diesen: „Da ist Christian Wagner, der zwar viel weiß, doch alles wissen möchte. Er glaubt an das Schöpferische in jedem Menschen und hat deshalb seine ersten Gedichte heldenhaft verbrannt … Wenn er lachend seine gelben Zähne zeigt, kriegt jeder Hühnerhaut. In seiner Gegenwart taucht früher oder später die Sinnfrage auf.“ So geht’s!

Hermann Burger: „Lokalbericht“, Edition Voldemeer Zürich/De Gruyter, 312 Seiten, bebildert.