Subtile Bilder, die eine enorme Wucht haben

Kultur / 12.10.2017 • 19:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„How many more times“ hatte gestern Abend in Feldkirch Premiere und wird noch viele Male aufgeführt.  Mosman
„How many more times“ hatte gestern Abend in Feldkirch Premiere und wird noch viele Male aufgeführt.  Mosman

„How many more times“ ist weit mehr als ein Tanzstück.

Christa Dietrich

Feldkirch Besser kann es nicht laufen. Auch wer mit einem hohen Grad an Reflexionsfähigkeit gesegnet ist und relativ vorurteilsfrei agiert, würde nicht davon ausgehen, dass die Konfrontation von Jugendlichen, das heißt angehenden Lehrlingen, mit anspruchsvollem zeitgenössischem Tanz für Kulturveranstalter zu den einfachen Übungen zählt.

Kompetenz in Sachen Kunstvermittlung hat sich die Theater- und Tanztheatermacherin Brigitte Walk nach vielen Produktionen, bei denen junge Menschen mitwirkten, bereits erarbeitet, die Vorpremiere eines Stücks über das Leben an sich und über das Älterwerden vor einem für solche Themen eher schwer zu interessierenden Publikum abzuhalten, das muss man sich erst einmal trauen. Gut, nach „Sketches“, jener wunderbaren Alfred-Schnittke-Produktion, die das Walktanztheater vor einigen Monaten mit dem Vorarlberger Symphonieorchester und einer Reihe von jungen Tanzamateuren realisierte, hatte man sich bereits für das Besondere qualifiziert.

Angeregte Kommunikation

Nun ging es aber nicht um das Visualisieren von recht dynamischen musikalischen Bildern, sondern um äußerst subtile, subjektive Momente, um Assoziationen, die nicht kalkulierbar sind. Und siehe da, nach der etwa einstündigen Aufführung während der die gespannte Aufmerksamkeit der jungen Leute geradezu körperlich spürbar war, entwickelte sich noch eine angeregte Kommunikation zwischen den Tänzerinnen und ihren Zuschauern.

So richtig motiviert konnte man somit in die eigentliche Premiere am gestrigen Abend im Alten Hallenbad in Feldkirch starten. Dass die Gruppe von Tänzerinnen, die sich erst vor einigen Wochen in Berlin mit der aus Vorarlberg stammenden Choreografin Renate Graziadei traf, um ein Projekt zu stemmen, sehr viel richtig gemacht hat, ist somit gewiss.

Hey, Led Zeppelin

„How many more times“ lautet der Titel, und, nein, er hat nichts mit dem berühmt gewordenen Song von Led Zeppelin zu tun. Besagte Jugendliche hatten ihn ohnehin wohl nicht präsent und Martin E. Greil, der Komponist der Produktion, ist zu ausgefuchst, um deutliche Verweise in seinem kraftvollen Stück durchhören zu lassen. Klar, die Beats, die sind da, sie fahren ein, sind für die Tänzerinnen aber eine enorme Herausforderung, gilt es doch, ihnen Widerstand zu leisten, anstatt sich fallen zu lassen.

Es ist alles gut gegangen, die Performance von Maartje Pasman aus Holland, Elisabeth Orlowsky aus Wien, Simea Cavelti aus der Schweiz sowie Natalie Fend und Brigitte Walk aus Vorarlberg erlebt man als intensive Auseinandersetzung mit biografischen Abläufen, in denen man die Dinge – auch Bücher oder Kleider – zu ordnen versucht, dann doch wieder verwirft und von vorne anfängt. Es zeigen sich Herausforderungen, denen man als Gruppe oder einzeln begegnet, es zeigen sich Entscheidungen. Es zeigt sich aber nichts Sentimentales, nichts Aufgesetztes. Und das ist das Wunderbare an dieser Produktion, in der sichtbar wird, dass Choreografin Renate Graziadei mit Achtsamkeit auf individuelle Bewegungsabläufe einging und es schafft, sie zu einem Großen und Ganzen zu verschmelzen, das Qualität hat, das Drive hat und das Witz hat.

Auch die Ausstattung von Alina Rosalie Amman, diese Bücherstapel, die Skulpturen, von denen eine genauso gut eine kleine Halfpipe sein kann, hat dazu beigetragen, dass „How many more times“, ein vielschichtiges, anspruchsvolles Stück, nicht nur generationenübergreifend begeistert, sondern auch die Einsteiger mit den alten Hasen in der Tanz-Community verbindet.

Eines noch: Wer für das junge Publikum etwas tun will bzw. es gewinnen will, trachtet am besten nach absoluter Professionalität. Das ist nicht immer leicht, aber Brigitte Walk hat diesen Grundsatz beherzigt. Die Tänzerinnen, die sich hier zu einem Team vereinten, haben ein duchgehend beeindruckendes Portfolio vorzuweisen. Wer es nicht wissen sollte, merkt es beim Zusehen ohnehin gleich.

Weitere Aufführungen am 13., 14., 17., 18., 19., 20., 21.Oktober, jeweils um 19.30 Uhr im Alten Hallenbad in Feldkirch: www.walktanztheater.at