Striche wie spitze Pfeile zwischen Sigmund Freud und Stephen King

Kultur / 25.10.2017 • 19:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Striche wie spitze Pfeile zwischen Sigmund Freud und Stephen King

Der Zeichner Stefan Zsaitsits zeigt aktuelle Arbeiten in der Galerie.Z.

HARD Bleistift und Papier. Das sind die Minimalanforderungen. Nicht mehr und nicht weniger braucht es für eine Zeichnung. Einer, dem Bleistift und Papier auch in technik­lastigen Zeiten vollends genügen, der sich seit 2010 kompromisslos, pur und ohne Ausrutscher in die Farbe, aber mit Disziplin und Ausschließlichkeit diesem einen, im Schaffen seither einzig vorkommenden Medium widmet, ist der niederösterreichische Künstler Stefan Zsaitsits.

Geisterbahn

Mit seinen erstaunlichen Arbeiten, die aktuell die Oktober-Ausgabe der Literaturzeitschrift „miromente“ bevölkern, ist der Zeichner derzeit in der Galerie.Z in Hard, die sich programmatisch ebenfalls dem Medium Zeichnung verschrieben hat, zu sehen. Die Titel der teils großformatigen Werke wie „Das Ding“, „Schattenmann“ oder „Geisterbahn“ lassen ahnen, dass die aufwendig und überaus kunstfertig gestrichelten Blätter auch eine „dunkle“ Seite haben, dass sie tief in die Abgründe menschlicher Existenz schauen lassen, die Zerrissenheit, aber auch die Ambivalenz des Seins – im besten Sinn des Wortes – illustrieren. Der Ausstellungstitel „Es“, der ein mögliches Deutungsspektrum zwischen Sigmund Freud und Stephen King aufspannt, lässt sich wohl ebenfalls in diese Richtung lesen. Auf einen ersten Blick folgen unweigerlich viele weitere Blicke, das schnelle Erfassen und Erkennen mündet in ein langes und langsames Abscannen der Blatt­oberfläche. Unweigerlich zieht es den Blick ins Bild hinein, immer tiefer gerät man in den Sog des Bildes und der Bildgeschichte, verfängt sich in den vielen Schichten und Ebenen dazwischen, die atmosphärisch dichten Werke offenbaren immer mehr Details, surreal, betörend, erschreckend und verstörend zugleich. Verzerrte Gestalten, Gesichter wie Masken, „vollgekritzelt“ und dabei doch leer, ausdruckslos, an denen kleine Männchen mit Plänen und Werkzeugen arbeiten, aberwitzige Szenarien wie die Höllenfahrt in die Geisterbahn oder absurde Kombinationen wie das hohe ­schmale Haus mit dem Duschvorhang an der Fassade, das die Diskrepanz zwischen Innen und Außen offenbart: Die Fantasie des Zeichners Stefan Zsaitsits (aber auch des Betrachters!) blüht, der Mensch erscheint als geschundene, gepeinigte und verängstigte Kreatur, ausgeliefert, hineingeworfen in unwägbare Situationen. Pfeile, als Geschosse mit spitzem Strich abgefeuert, und als Richtungsweiser ins Nichts, tauchen immer wieder auf. Und doch haben die Blätter neben der melancholischen Grundstimmung auch etwas Erbauliches. Hoffnung mischt sich in die scheinbare Ausweglosigkeit, das Monströse hat auch etwas Harmloses, Alltägliches. Es sind Zeichnungen wie ein Traum, in dem man hilflos gefangen ist und aus dem man doch noch nicht gleich erwachen möchte. AG

Stefan Zsaitsits hat auch die aktuelle Ausgabe der Vorarlberger Literaturzeitschrift „miromente“ illustriert. A. Grabher
Stefan Zsaitsits hat auch die aktuelle Ausgabe der Vorarlberger Literaturzeitschrift „miromente“ illustriert. A. Grabher

Zur Person

Stefan Zsaitsits

Geboren 1981 in Hainburg

Ausbildung Universität für angewandte Kunst in Wien

Laufbahn zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, vertreten in der Sammlung der Albertina, Lentos Kunstmuseum u.a.

Auszeichnungen Österreichischer Grafikwettbewerb, Art Austria Award, Preis des Landes Südtirol u.a.

Wohnort Schönabrunn/NÖ

Die Ausstellung ist in der Galerie.Z, Landstraße 11, in Hard, noch bis 18. November geöffnet, Di und Do, 18 bis 20 Uhr, Sa, 10 bis 12 Uhr.

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