Zwischen Literatur und Musik

Kultur / 12.01.2018 • 17:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wiener StraßeSven Regener, Galiani Berlin, 295 Seiten

Wiener Straße

Sven Regener, Galiani Berlin, 295 Seiten

In das Berlin der 1980er-Jahre schaut man immer gerne zurück, vor allem in die Nischen.

Romane Das Leben fing in Berlin nach 1945 an, sonderbare Blüten zu tragen, von den späten 1970er-Jahren bis zum Fall der Mauer war die Pracht kaum noch zu übersehen. Den wohl schillerndsten Schrebergarten an Genialität bewohnten David Bowie, Lou Read, Iggy Pop, Brian Eno und noch einige andere kongeniale Spaßvögel aus Großbritannien und den USA. Diese Herrschaften fabrizierten zusammen nicht nur geniale Musik, diese Phase wurde auch reichlich dokumentiert. Eine Art Nachlese aus einer sehr deutschen Sicht begann Sven Regener 2001, als er seinen Herrn Lehmann ins Leben rief und in drei Büchern über seine Berlin-Zeit in der Kunstszene berichtet, nicht ohne zeithistorische Ereignisse aus dem Blickfeld zu lassen.

Nun, Regener hat auch ein Vorleben, nämlich als Sänger und Mastermind der deutschen Rockband „Element of Crime“, mit der er mindestens so gerne durch die Gegend tourt, wie Lesungen zu machen, oder eben Bücher zu schreiben. Nach der LP „Lieblingsfarben der Tiere“, eine Nr. 1 in den österreichischen Charts, kam nun wieder die Literatur zum Zug. Mit „Wiener Straße“ lässt er die damalige Berlin-Zeit rund um Herrn Lehmann erneut auferstehen. Betrachtet man nun all seine Berlin-Romane, scheint Regener zufrieden geworden zu sein. Angekommen in der Vergangenheit, gibt es jetzt nichts mehr zu meckern. In der „Wiener Straße“ wird gebaut, an einer WG in einem Abbruchhau zum Beispiel. Mit viel Liebe, Kunst und Dilettantismus wird an einer BRD gewerkelt, die wahrscheinlich gar nicht so spröde und einfältig war, wie häufig angenommen. Zumindest in Regeners Augen und mit Hilfe seiner kunterbunten Berlin-Bande. Fazit: Auch der vierte Roman hält, was er verspricht. Auch sprachlich: Denn hier findet man wunderbare, lange, verschnörkelte Sätze, die so gar nicht in das Bild der heutigen Zeit passen.

Virtuell mit Steuernummer

Ziemlich in der heutigen Zeit, wenn nicht gar um einiges voraus ist der Schotte Andrew O’Hagan mit seinem Porträtband „Das geheime Leben“, mit dem bezeichnenden Untertitel „Wahre Geschichten von der dunklen Seite des Internets“. Das erste Porträt handelt von WikiLeaks-Gründer Julian Assange. Vor Jahren noch vergöttert oder gehasst, wurde dem gefragten Autor damals die Möglichkeit geboten, über Assange eine Biografie zu schreiben. Es kam nie zu einer autorisierten Veröffentlichung, doch mit einem gewissen Abstand zum Projekt zeichnet ihn O’Hagan als paranoiden, selbstverliebten Mann, der schlussendlich an seiner eigenen Willkür scheiterte, nicht ohne ihm ein gewisses Mysterium zu lassen, eine Unantastbarkeit. Ähnlich verfährt er mit Craig Steven Wright, einem der möglichen Bitcoin-Initiatoren, die sich bekanntlich bis heute im Hintergrund halten. Auch hier beschreibt er den Irrsinn eher als Film. In seinem dritten Porträt schlüpft er in die Rolle eines real verstorbenen Jugendlichen, den er mit Hilfe des Internets zu virtuellem Leben erweckt, tatsächlich mit echtem Pass und Steuernummer. Der Leser staunt und denkt nach.

Das geheime LebenAndrew O’Hagan, Fischer Verlag, 335 Seiten

Das geheime
Leben

Andrew O’Hagan, Fischer Verlag, 335 Seiten