Die Dame knipst sie alle aus

Kultur / 04.02.2018 • 19:03 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Dass das Vorarlberger Landestheater einmal pro Saison zum Opernhaus mutiert, hat Tradition.  Anja Koehler
Dass das Vorarlberger Landestheater einmal pro Saison zum Opernhaus mutiert, hat Tradition.  Anja Koehler

Selbst ist die Frau, hieß es bei der Premiere der Donizetti-Oper „Don Pasquale“ am Landestheater.

Bregenz Die Moral von der Geschicht aufzuspüren, ist nicht schwer. Wer sich im Alter noch jung vermählt, der erhält dafür auch die gesalzene Quittung. So singt Norina am Ende von Gaetano Donizettis opera buffa „Don Pasquale“. Und Norina, also die Dame im Solistenquintett, hat in Bregenz auch das letzte Wort. Denn Regisseur Michael Schachermaier rührt einmal kräftig in der Geschichte der Oper und – schwups – fertig ist die Norina, die einem waschechten Bondgirl in nichts nachsteht. Das tut der Oper gut, und so kommt „Don Pasquale“ im Vorarlberger Landestheater herzhaft und frisch und dabei doch geschmeidig und durchtrieben daher.

Dass das Landestheater einmal pro Saison zum Opernhaus mutiert, hat Tradition. Traditionell ist dabei auch die Zusammenarbeit zwischen dem Haus am Bregenzer Kornmarkt, dem Symphonieorchester Vorarlberg und dem Bregenzer Festspielchor. Und was soll man sagen, „Don Pasquale“ steht allen dreien bestens zu Gesicht. Wie in einem gut geschmierten Uhrwerk greifen da alle Rädchen – Inszenierung, musikalische Umsetzung, solistische wie choristische Darbietung – wunderbar ineinander. Und das Treiben und Hintertreiben rund um den alten Hagestolz und Geldscheffler Don Pasquale wird zum amüsanten Musiktheatererlebnis.

Junggesellendasein

Die Sache mit Don Pasquale ist nämlich die: Er selbst bräuchte zu seinem Glück nicht unbedingt ein weibliches Wesen an seiner Seite. Das Junggesellendasein passt ihm so ganz gut und das Geldzählen auch. Blöd nur, dass sein Neffe Ernesto, der logischerweise irgendwann einmal alles erben wird, so gar nicht die Damen ehelichen will, die sein Onkel für ihn ausgesucht hätte. Das liegt wohl daran, dass Ernesto nur die eine will: Norina. Die aber passt dem Onkel wieder nicht. Und der setzt Ernesto genau deshalb das Messer an. Entweder er heiratet eine Dame nach Onkels Geschmack oder Don Pasquale verehelicht sich eben auf seine alten Tage noch selbst, und das Erbe für Ernesto ist futsch. Vertrackte Situation. Dann aber mischt sich Dottor Malatesta ein. Als Freund Ernestos hat er einen Plan, wie die Turteltäubchen doch noch zueinander finden. Norina verkleidet er als brave Klosterschülerin, die kein Wässerchen trüben kann, und trickst Don Pasquale in eine Scheinehe mit derselben. Kaum zum Schein verheiratet, beginnt Norina – die sich nun Sofronia nennt – damit, das Geld Don Pasquales mit beiden Händen großzügig unters Volk zu bringen. Das wird dann schließlich auch Don Pasquale zu viel und er könnte froher nicht sein, als der Schwindel auffliegt und er Sofronia alias Norina an seinen Neffen abtreten kann.

Die Dame ist am Ziel

Nun könnte man dieses Spielchen auf viele Arten und Weisen inszenieren. Mal ist Dottor Malatesta der große Mastermind hinter allem, mal Don Pasquale am Ende gebrochen und gedemütigt. Das alles aber macht Michael Schachermaier nicht. Im Gegenteil, er setzt auf die Dame. Herrlich, wie Norina die Herren wie Marionetten nach ihrem Willen und Plan tanzen lässt, wie sie sie zum Schluss ausknipst wie kleine Roboter und in ihre Boxen zurückschickt. Ihre Schuldigkeit haben sie ja getan, denn die Dame ist am Ziel. Schön auch, dass selbst Don Pasquale in dieser Umsetzung zum Schluss sein Gesicht nicht zu verlieren braucht und über sich und das Geschehene zumindest lächeln kann.

Überhaupt überzeugen Regie, Bühnenbild und Ausstattung (Friedrich Eggert). Das Bühnenbild, ein Ungetüm aus Tresoren und Geldschränken, ist da nur ein Beispiel. Unglaublich wandlungsfähig entsteht hier ebenso schnell eine kleine Waldlichtung wie auch das vergoldete Boudoir der Dame des Hauses. Der Bregenzer Festspielchor unter der Leitung von Benjamin Lack zeigt sich bestens vorbereitet und ist ganz herrlich in seiner Rolle als fidele Dienerschaft. Überhaupt ist da sehr viel Witz und Pfiff in diesem Abend, was musikalisch durch das Symphonieorchester unter der Leitung von Karsten Januschke bestens ergänzt wird. Schön ist auch, dass es im Landestheater gelungen ist, Bühnengeschehen und Orchester in eine gute Balance zu bringen. Sie konkurrieren nicht miteinander, sondern ergänzen sich. Das gilt auch für die fünf gesanglichen Solisten des Abends. Gut, anfangs braucht es vielleicht ein bisschen, bis sich Sänger und Orchester auf ein gemeinsames Tempo geeinigt haben, aber dann steht der freien Fahrt nichts mehr im Wege.

Raphael Sigling gibt einen herrlich unter der weiblichen Hand leidenden Don Pasquale, Tamas Tarjany als Ernesto überzeugt als zutiefst unglücklich Liebender. John Brancy amüsiert stimmsicher als hintertriebener Dottor Malatesta, und Wojciech Latocha ist als Notar zwar nur kurz solistisch zu hören und zu sehen, beweist dabei aber nicht nur Stimme, sondern auch Schauspieltalent. Und über allen steht – es ist nicht schwer zu erraten – die Dame. Alexandra Flood ist als Norina/Sofronia schlicht und einfach der heimliche Star des Abends. Stimme und Ausdruck passen in jeder Sekunde. Sie ist auf den Punkt da und führt das gut ausbalancierte und aufeinander abgestimmte Solistenquintett an.

Als Gesamtpaket überzeugt

Dass nach drei Akten und etwas mehr als zwei Stunden Musik und Liebeskomödie deshalb kräftigst applaudiert wurde, verwundert nicht. Denn „Don Pasquale“ überzeugt am Vorarlberger Landestheater einfach als Gesamtpaket aus Musik, Gesang, Spiel und weiblicher Schlitzohrigkeit. Und das ist auf jeden Fall einen Opernabend und seinen Applaus wert.

„Don Pasquale“ ist noch bis 27. Februar, jeweils 19.30 Uhr, und am 25. Februar um 16 Uhr im Vorarlberger Landestheater in Bregenz zu sehen: www.landestheater.org