Grenzen muss man ja nicht akzeptieren

Kultur / 16.02.2018 • 18:44 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Unter dem Titel „Grenzenlos“ toben sich elf Positionen gegenwärtiger Kunst der Marke „d‘Osera“ aus. Fehle
Unter dem Titel „Grenzenlos“ toben sich elf Positionen gegenwärtiger Kunst der Marke „d‘Osera“ aus. Fehle

Was die Schweiz an aktueller Kunst so zu bieten hat, kann man in Feldkirch entdecken.

Feldkirch Der Rhein sei eine natürliche Grenze. Dabei müsse man es aber ja nicht belassen, erklärt Elisabeth Keller-Schweizer, die mit ihrem feinen Gespür das Programm der Schau in der Villa Claudia zusammenstellte. Und mit den Künstlern des Vereins Kunst.Vorarlberg hat sie mit ihrem Grenzen aushebelnden Anliegen eifrige Mitstreiter gefunden. Will heißen, dass man sich dies- und jenseits des Rheins immer wieder darum bemüht, der Natur ein Schnippchen zu schlagen und die Grenze einfach zu überspringen. So waren erst im Herbst Arbeiten Vorarlberger Künstler in der Ostschweiz zu sehen. Jetzt flatterte die Gegeneinladung ins Haus, und die Villa Claudia wurde unter dem Titel „Grenzenlos“ zum Spielfeld, auf dem sich derzeit elf Positionen gegenwärtiger Kunst der Marke „d’Osera“ austoben. Woher der Name des Schweizer Kunstvereins rührt? Eine Erklärung gibt vielleicht der Standort in einer ehemaligen Dosenfabrik in Diepoldsau. Lautmalerisch wurde da schnell aus den Dosen die art d‘Osera. Wer dabei nun an Kunst aus der Konservendose denkt, liegt völlig falsch. Im Gegenteil, der Rundgang durch die Feldkircher Ausstellung strotzt nur so vor Individualität.

Unglaubliches Eigenleben

Das beginnt mit Willi Keller und seinen großformatigen Arbeiten in Öl. Scheinbar schnell erkannt und eingeordnet, was Willi Keller da auf die Leinwand bannt, liegt der Schlüssel im zweiten Blick. Keller „porträtiert“ nämlich Fundstücke und zoomt dabei so nahe ran, dass so Alltägliches wie ein geschmolzenes Geflecht ein unglaubliches Eigenleben entwickelt.

Päuli Wiesner, die einzige Künstlerin unter den elf, schließt sich thematisch gut an. Sie schenkt Altpapier ein Weiterleben in der Kunst. Rubato nennt sie ihre Technik, und „rubato“ ist so vieldeutig wie ihre Arbeiten vielschichtig sind. Es erinnert an „to rub“ (reiben, rubbeln) genauso wie ans italienische rubare (rauben) und nimmt gleichzeitig Anleihen an der Musik, in der rubato so viel bedeutet wie die Freiheit vom Takt. Dementsprechend verarbeitet Wiesner beiseite gelegtes Zeitungspapier zu Strukturen, Gemälden und Türmen. Aus der Erde bis in den Himmel hinauf geht es mit den Fotoarbeiten Willi Lässers. Der Clou seiner Arbeiten liegt klar in der Verfremdung des Gewohnten – und das mit Witz und unglaublicher Schönheit. So holte sich Lässer u. a. für seinen Blick unter die Erde Spargelspitzen vor die Kamera.

Den Kreis der „Metaller“ eröffnet Konrad Thurnherr. Verrostetes Blech überzieht er mit klaren geometrischen Formen und setzt so dem natürlich gerosteten Metall die Kunst der Form entgegen. Deutlich figuraler wird es bei Hansruedi Emele, dessen Bronzearbeiten den Menschen in verschiedenen Handlungsspielräumen zeigt. Interaktion und Aktion sind hier die großen Schlagworte, mit denen seine Bronzen überschrieben werden könnten, die so sprechende Titel wie „Kontrolle“, „Aufstieg“ oder „Ich kann“ tragen. Ebenfalls in Bronze steht der weibliche Körper dann bei Jürg Jenny im Zentrum. Hier aber geht es weniger um Aktion als um das Dasein selbst. So scheinen seine Damen in ihrer Körperlichkeit selbstbewusst zu ruhen. Ganz anders und doch direkt anschließend präsentieren sich dann Peter Federers Eisenskulpturen. Auch sie greifen Befindlichkeiten wie das Lauschen, das Staunen oder das Ruhen auf. Federer aber setzt vermehrt auf die Kunst der Abstraktion und legt gerade damit die zeitlose Gültigkeit dieser Sinneszustände frei.

Geometrisch wird es bei Sepp Alge. In Acryl gefasst setzte er Zeit seines Lebens auf die kompromisslose Vereinfachung der Form, um aus dem Einfachen ungeheure Kombinationen entstehen zu lassen. Mit groben Pinselstrichen, aber genauso voller Energie bannt in direkter Nachbarschaft Simon Kness den Menschen auf Leinwand. Mienenspiele sind seine Sache, und es ist spannend zu beobachten, wie er in den Gesichtern liest und Masken durchscheinend werden lässt.

Kühe als „Stars“

Tierisch wird es dann mit Thomas C. Jutz, der damit ein ganz anderes Genre der Kunst betritt. Seine „Stars“ sind nämlich Kühe. Damit lässt Jutz zwar Vertrautes aus der bäuerlichen Kunst anklingen, demontiert es aber lustvoll. Bestes Beispiel dafür sind seine Kuhfragmente, die er spielerisch und frei neu zusammensetzt.

Kunst durchwandern kann man mit KUSPIs raumfüllender Installation „Der Wahn der Vergänglichkeit“. KUSPI mischt dafür den Marktplatz der Religionen ordentlich auf, wo die Angst des Menschen vor Vergänglichkeit zum Mittel der Macht wird. So dominiert auch eine stilisierte Grabplatte vor einem altarähnlichen Triptychon den Raum. Damit spielt KUSPI auf Werden und Vergehen an und auf (Familien)Geschichten, die zwischen Tod und Leben weitergeschrieben werden.

So unterschiedlich die Positionen auch sind, Anknüpfungspunkte scheinen immer wieder durch. Dadurch entsteht ein fein gewobener Fleckerlteppich, der die Tür zum aktuellen Kunstschaffen der Schweiz aufstößt. Und am Ende kann das Fazit nur lauten: Bitte auch weiterhin die Grenzen einfach nicht akzeptieren und sich künstlerisch im Nachbarland zum Besuch anmelden.

Die Ausstellung „Grenzenlos“ ist noch bis 11. März, Fr 16-18, Sa 15-18 und So 10-12 und 15-18 Uhr in der Villa Claudia in Feldkirch zu sehen: www.kunstvorarlberg.at