Schwarzer Schwank

21.02.2018 • 17:34 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
In Horvaths Stück kommen Schwärze und Schwank zu ihrem Recht. HORN
In Horvaths Stück kommen Schwärze und Schwank zu ihrem Recht. HORN

Ödön von Horvats Komödie ist eigentlich eine Tragödie.

ZÜRICH Wie in vorgeblicher Gemütlichkeit eine Herzenskälte nisten kann, das hat Ödön von Horvath (1901-1938) in seinen Theaterwerken immer wieder mit erschreckender diagnostischer Schärfe gezeigt. Auch die 1926 entstandene Komödie „Zur schönen Aussicht“ ist eigentlich eine Tragödie. Immerhin handelt der Dreiakter davon, wie eine junge Frau ins Hotel zurückkehrt, dessen Direktor sie vor einem Jahr geschwängert hat, und auf welch schändliche Weise die vermeintliche Eintreiberin von Alimenten vertrieben wird.

Gleichzeitig schnurren hier aber auch die Räder und Rädchen des Unterhaltungstheaters. Beides – Schwärze und Schwank – in diesem frühen Horvath-Stück kommen zu ihrem Recht in Barbara Freys Neuinszenierung in der Schiffbauhalle des Schauspielhauses Zürich. Ein lohnender Abend mit tollen Darstellern in farbig typisierenden Kostümen von Bettina Walter. Allerdings: Über eine gelungene „Umsetzung“ der Vorlage gelangen Frey und ihr Regie-Team kaum hinaus.

Eine Augenweide ist Bettina Meyers zweistöckiges Bühnenbild: Mit erlesener Detailfreude wird  das abgeschabt-morbide Interieur des Hotels „Zur schönen Aussicht“ aufgeblättert. Der abgehalfterte Betriebsdirektor Strasser, gegeben von dem gewohnt stark aufspielenden Michael Maertens, sowie ein Kellner (überzeugend ungehobelt: Edmund Telgenkämper) und Chauffeur (mit Stechblick: Nicolas Rosat) beherbergen als einzigen Gast die angejahrte Ada Freifrau von Stetten, welche die Männerwelt für Liebesdienste bezahlt. Friederike Wagner mixt für die Rolle dieser zahlungskräftigen, aufgetakelten Dame mit Stromschlagfrisur aus Zimmer Nummer 11 einen Charakter-Cocktail aus Wahnsinn, Lebensgier und Melancholie.

Einen speziellen Akzent setzt Markus Scheumanns speckig-widerlicher Spirituosenhändler. Adas verschuldeter Zwillingsbruder (konturenscharf: Hans Kremer) komplettiert dieses Menschenrudel, das alle Schleusen zur Niedertracht öffnet, wenn Carolin Conrads Christine wie eine Lichtgestalt in den Hotelkosmos eindringt. Eigentlich hätte Christine mit einer Erbschaft das Hotel von Strasser, dem Vater ihres Kindes, den sie ohne Gegenliebe aufrichtig liebt und den sie heiraten möchte, sanieren wollen. Frey zeigt, dass sie keine Chance hat gegen die Schuftigkeit des gegen sie intrigierenden Sextetts, aber wenigstens moralisch siegreich davongeht.

Kraftvoll elegantes Maskenspiel

Vielleicht hätte man gewisse Bosheiten in dem Stück noch mehr anspitzen können oder auch dichter gewobene Bedeutungslinien hin zur aktuellen Gegenwart ziehen dürfen. Auch lassen sich für uns Sinn und Hintersinn des periodisch vor sich hin plärrenden Fernsehers nicht klar entschlüsseln. Es bleibt ein durchaus reuefreier Abend, der einem wieder einmal Bewunderung abnötigt für die kraftvolle Eleganz von Ödön von Horvaths Maskenspiel. tb

Vorstellungen: 20., 25. und 28. Februar; 1., 2., 4., 6. und 7. März. www.schauspielhaus.ch