Die Renaissance der Kurzgeschichte

23.02.2018 • 17:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Good Home“T.C. Boyle, 428 Seiten, Hanser

„Good Home“

T.C. Boyle, 428 Seiten, Hanser

Mit „Good Home“ legt US-Autor T.C. Boyle eine brillante Kurzgeschichten-Sammlung vor.

Kurzgeschichten haben mittlerweile den schalen Beigeschmack, von bekannten Autoren veröffentlicht zu werden, um die Lücken zwischen ihren Roman-Veröffentlichungen zu füllen. Bei T.C. Boyle liegen die Dinge anders, er ist ein leidenschaftlicher Kurzgeschichtenautor. Bereits mit „Schluss mit cool“, wusste der Autor vor 18 Jahren zu überzeugen, mit „Good Home“ legt er nun einen weiteren Kurzgeschichtenband nach.

Bunt gemischt

Was machen die Kurzgeschichten von Boyle so interessant? Hier wären einmal die ausgefallenen Locations. Egal, ob es nun die Ausbildungsstätte für Kampfhunde ist, die von russischen Einwanderern betrieben wird, ein beschaulicher College-Ort an der Küste Kalifornien, das OP-Zimmer eines Schönheitschirurgen, oder ein Erdrutsch, der das Überbringen eines Spenderorgans fast vereitelt.

Diese immer wieder sehr eigenen Locations bringen eine sehr selektive Wahrnehmung mit sich, wie kaum ein anderer schafft Boyle es, auf den wenigen Seiten den Charakteren ein Gesicht zu verleihen. Das hat er von seinem Lehrmeister John Irving gut mitbekommen, die grundsätzliche Abgebrühtheit lassen durchaus Inspirationen seitens Raymond Carvers zu, aber den Reichtum an Metaphern, die jetzt nicht peinlich sind oder einen zu hohen Grad an Künstlichkeit aufweisen, kann der Autor seinen ganz persönlichen, kreativen Input nennen. Daraus resultieren farbenfrohe und gut abgemischte Storys, in denen man sich sogar den Autor auch ganz gut vorstellen kann.

Wenn T.C. Boyles Kurzgeschichten eher eine Bestandsaufnahme der jetzigen Zeit sind, wirft Bernd Schuchter mit seinem neuen Werk „Herr Maschine“ einen gewagten Blick in die Vergangenheit, nämlich ins 18. Jahrhundert. Er geht dem Leben des französischen Autors Julien Offray de La Mettrie nach. Denker, Arzt, Atheist, Aufklärer und über alles das Enfant terrible der Pariser Salons. La Mettrie war viel, vor allem wurde er für seine spektakulären Entwürfe immerzu angefeindet, auch noch nach seinem Tod und vor allem so lange, bis der streitbare Philosoph absolut in Vergessenheit geriet. Dem Autor Bernd Schuchter ist es nun zu verdanken, dass La Mettrie wieder aus dem Reich der verschollenen Autoren zurückkehren durfte.

Prominente Gegnerschaft

In dem neuen Buch „Herr Maschine“ setzt sich Bernd Schuchter zum einen mit dem Leben des Autors, zum anderen mit seinem wichtigsten Werk „Der Mensch als Maschine“ auseinander, eine provokante Gedankensammlung, die unter anderem die Existenz Gottes in Frage stellt – immerhin befinden wir uns in der Zeit vor der Französischen Revolution.

Ein kluges Buch über einen schwierigen Denker, einen nicht angepassten Zeitgenossen. Die Liste der Gegner war groß, von Voltaire bis Albrecht von Haller war der Widerstand ein fast unüberwindlicher. An dem gemessen ging mit La Mettrie doch ein großer Autor verloren, dem es gebührt, neu entdeckt zu werden.

„Herr Maschine“Bernd Schuchter, 176 Seiten, Braunmüller

„Herr Maschine“

Bernd Schuchter, 176 Seiten, Braunmüller