Von den Verwaltern der europäischen Idee

Kultur / 28.02.2018 • 18:31 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Robert Menasse las aus seinem Roman über die EU-Kommission. SIE
Robert Menasse las aus seinem Roman über die EU-Kommission. SIE

Robert Menasse las in Dornbirn aus
„Die Hauptstadt“.

Dornbirn In einer Literaturlandschaft, in der die Europäische Union selten thematisiert wird, sticht Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“ über den Beamtenapparat der EU-Kommission deutlich heraus. Dafür erhielt der 63-jährige Wiener Ende vergangenen Jahres den Deutschen Buchpreis und musste für die Verleihung seine Lesung im Dornbirner Spielboden absagen. Beim Nachholtermin am Mittwoch fand der Schriftsteller ein ausverkauftes Auditorium vor.

Anstelle eines einzelnen Protagonisten lässt Menasse in seinem Buch eine Vielzahl von Charakteren auf dem Parkett der Brüsseler EU-Behördentums miteinander agieren. Deren Erscheinungsbilder, Charaktereigenschaften und Biografien beschreibt Menasse sehr detailliert und das in durchaus heiterer Manier.

Beispielhaft las der Autor im Spielboden aus einer Szene mit der hochqualifizierten jungen Beamtin Fenia Xenopoulou, die eine Image-Kampagne der EU-Kommission an sich reißt, um damit ihre Karriere in Schwung zu bringen. Sie muss den exaltierten Kabinettschef des Kommissionspräsidenten von der Idee überzeugen, der das Projekt aber insgeheim verhindern möchte. Ein absurder Dialog entspinnt sich.

Auf eine Idee vereidigt

Als Kritik am Brüsseler Beamtentum als undurchsichtige Machtzentrale Europas will der Schriftsteller sein Werk aber nicht verstanden wissen, wie sich in der Diskussion nach der Lesung zeigte. Vielmehr lobt er die Institution: „Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass Beamte nicht auf einen Nationalstaat, sondern eine Idee vereidigt werden“, nämlich die Idee der Überwindung des Nationalstaats. Seine eine Kritik galt den Politikern, die mit nationalen Interessen die Entwicklung der gesamteuropäischen Idee blockieren.

Jahrelang hatte Menasse in Brüssel für den Roman recherchiert. Den EU-Beamtenapparat beschrieb er im Spielboden als „extrem transparent, man kommt sehr leicht hinein“. Viele seiner Gesprächspartner seien erfreut gewesen, dass sich endlich mal jemand für ihr Tun interessiert. VN-pes