„Weil ich ein Jäger bin“

Kultur / 23.03.2018 • 19:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„nulluhrnull“Arne Rautenberg, Horlemann Verlag Leipzig & Berlin

„nulluhrnull“

Arne Rautenberg,
Horlemann Verlag
Leipzig & Berlin

Lyriker Arne Rautenberg ist mit Notizblock, Kugelschreiber und offenen Ohren auf der Pirsch.

„Mutter zu Sascha, Sarah und Saskia am Meer ist mein berühmtestes Gedicht, und kein Wort davon ist von mir.“ Arne Rautenberg macht daraus keinen Hehl. „Ich lag am Strand, als sich eine Mutter mit ihren drei Kindern direkt neben mich legte, obwohl überall Platz war“, erzählt der 50-jährige Dichter, wie es dazu kam. „Irgendwann haben mich die ruppigen Dauerermahnungen so genervt, dass ich sie einfach fünf Minuten lang mitgeschrieben habe.“ Abends tippte er die Notizen in seinen Laptop. Fertig. Nun schießen die Dauermonologe aus ruppigen Ermahnungen wie „Halt die Klappe“, „Verzieh dich“, „Zieh die Unterhose an“ oder gar „Ich warne dich“ über die Köpfe der kleinen und großen Zuhörer hinweg und drohen an den hohen Wänden im Saal widerzuhallen. Irritierend und doch so vertraut. Dem Nachwuchs, weil er sich wiedererkennt, den Eltern, weil er ihnen den Spiegel vorhält. Ganz ohne zu belehren. Und genau darin liegt die Genialität dieses Gedichtes, das in Rautenbergs jüngstem Band „Rotkäppchen fliegt Rakete“ mit Zeichnungen von Jens Rassmus zu finden ist. Es ist einfach nur zum Lachen.

Jäger mit Notizblock

„Ich liebe die Idee, dass Kunst und Leben miteinander verschmelzen“, sagt der aus Kiel/Norddeutschland stammende Sprachvirtuose und zeigt sein dickes, schon etwas abgegriffenes Notizbuch in Postkartengröße. In der Spirale steckt ein Kugelschreiber. Damit ist der Josef-Guggenmos-Preisträger und „Writer in Residence“ in Krems an der Donau auf der Pirsch. „Ich bin eigentlich immer online mit meinem erweiterten Bewusstseinsstrom“, sagt Rautenberg. „Das heißt, ich halte meine Sinne auch im täglichen Leben aufgespreizt. Weil ich ein Jäger bin. Und wenn ich etwas Ungewöhnliches sehe oder höre oder erlebe, dann wird es im Notizblock erlegt.“

Visual Poetry

Das macht seine Lyrik spannend, ja fast ein wenig unberechenbar. Die einzige Konstante bleibt die deutsche Sprache. „Sie bedeutet mir alles“, sagt Rautenberg. „Ihr gebe ich mich in meiner dichterischen Arbeit völlig hin. Lasse mich von ihr mitnehmen, lasse mich in ihr treiben. In ihren Tiefen lote ich die Gerade zwischen Sinn und Unsinn aus. Die Sprache ermöglicht mir das Abenteuer Poesie. Dieses Abenteuer ist absolut und es dominiert mein Leben.“

In seinem neuesten Gedichtband für Erwachsene „nulluhrnull“ (Horlemann Verlag Leipzig & Berlin) bedient sich Rautenberg auch der Visual Poetry. „teeschale“ stellt auch tatsächlich eine dar und bei „die warzen von lemmy kilmister“ formen die Buchstaben ein griesgrämiges Gesicht, das in Motörhead-Frontmann-Manier zum Schluss kommt: „Sex ist das lustigste was du haben kannst – ohne zu lachen“. Rautenberg räumt im 92 Seiten-Klappenbroschur-Büchlein dem Leser alle Freiheiten ein.

Jeder kann selbst entscheiden, wo er zuerst eintauchen mag. Von vorne nach hinten oder umgekehrt. Querfeldein oder ganz einfach dort, wo es einen packt. CRO