Schweigen ist nicht immer Gold

28.03.2018 • 17:51 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Lawrence Weiner ist auch für Kunstfans in Vorarlberg kein Unbekannter mehr. Hatte er doch 2016 eine erinnerungswürdige Ausstellung im Kunsthaus Bregenz. Eine der wohl wichtigsten Arbeiten des international renommierten amerikanischen Konzeptkünstlers prangt als ein eindringliches Antikriegsstatement weit sichtbar auf dem ehemaligen Flakturm im Esterhazypark im Wiener 6. Bezirk: „Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht)/Smashed to pieces (in the still of the night)“. Inspiriert wurde der Text vom berühmten Song von Cole Porter. Entstanden ist die Arbeit 1991 im Rahmen der Wiener Festwochen vor dem Hintergrund des blutigen jugoslawischen Bürgerkriegs. Initiiert wurde das Projekt von der damaligen Stadträtin Ursula Pasterk, für die Kultur und Kulturpolitik noch mit Leidenschaft und Kampfgeist verbunden war.

Der Flakturm, im Zweiten Weltkrieg als Podest für die Fliegerabwehrkanonen und als Schutzbunker bei Bombenangriffen errichtet, gilt selbst als mächtiges unübersehbares Zeichen, das an die Gräuel des Dritten Reiches erinnert. Seit 1957 ist das „Haus des Meeres“, das jährlich über fünfhunderttausend Besucher anzieht, dort zu Hause. Dessen Betreiber, die den Mariahilfer Betonriesen von der Stadt 2015 um einen(!) Euro erwarben, beabsichtigen nun einen Großumbau, der nicht nur den Flakturm durch eine Glasfassade unsichtbar machen würde, sondern auch Weiners Kunstwerk zum Verschwinden brächte.

Zur Erinnerung: „Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht)“ wurde um 80.000 Euro mit Steuergeld erneuert. Stadtrat Mailath-Pokorny verkündete damals zu Weiners Werk: „Die künstlerische Bedeutung ist eng verknüpft mit ihrer politischen Dimension.“ Und weiter: „Durch die künstlerische Arbeit wird der Flakturm neu interpretiert und umgedeutet – vom Symbol des Nationalsozialismus zum Mahnmal gegen Krieg und Faschismus. Die Restaurierung ist ein weiterer Beitrag zum Gedenkjahr.“ Den Betreibern des Haus des Meeres ist dabei kein Vorwurf zu machen, es ist ihr gutes Recht das Maximum aus dem Gebäude herauszuholen. Es wäre aber auch die Pflicht der Kulturpolitik und des Denkmalamts, die Würde von Baudenkmälern als bedeutende Zeugen der Geschichte für die Nachwelt zu erhalten und sich für eines der bedeutendsten Kunstwerke im Wiener öffentlichen Raum einzusetzen. Beschämend ist das Schweigen von Wiens Kulturstadtrat Mailath-Pokorny, der sich plötzlich für unzuständig erklärt. Es gab Zeiten, da hatten Kulturpolitiker wenigstens noch eine Meinung zu Kunst und Kultur.

„Es gab Zeiten, da hatten Kulturpolitiker wenigstens noch eine Meinung zu Kunst und Kultur.“

Gerald Matt

gerald.matt@vn.at

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.