Ein starkes musikdramatisches Erlebnis

Kultur / 29.03.2018 • 16:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Maestro Manfred Honeck berührte mit seiner speziellen Auseinandersetzung mit Mozarts Requiem. JU
Maestro Manfred Honeck berührte mit seiner speziellen Auseinandersetzung mit Mozarts Requiem. JU

Manfred Honeck inszenierte Mozarts Requiem als opulente Klang-Collage.

LUSTENAU Der Eindruck war ein umwerfender, wie immer seit Jahrzehnten, wenn der Dirigent Manfred Honeck und Mozarts Requiem aufeinandertreffen. Die Karwoche bietet alle zwei Jahre dem aus Altach stammenden, eben mit einem Grammy ausgezeichneten Chef des Pittsburgh Symphony Orchestra Gelegenheit, sich ehrenamtlich in seiner Heimat auf ganz persönliche Weise mit Mozarts letztem Werk auseinanderzusetzen und damit als tief religiös geprägter Mensch in der Erlöserkirche seine Erschütterung über den Kreuzestod Christi mit Gleichgesinnten zu teilen.

Die Aufführung nimmt gegenüber früher neue Dimensionen an. Sie hat durch die Besetzung vor allem an Qualität gewonnen, von ihrer Konzeption als opulente Klang-Collage her aber auch an Schärfe, Brisanz und Dramatik, mit ihren fast zwei Stunden Dauer aber auch an Länge zugenommen. Honeck hat das Mozart-Requiem als Zentrum in ein dramaturgisches Gesamtkonzept eingebettet, das durch das Aufeinandertreffen von Texten und Musik seinen stringenten Fluss erhält. Das entbehrt nicht einer gewissen Theatralik, die Mittel zum Zweck ist, die religiöse Aussage noch unterstreicht, und erhält damit stellenweise fast die Sogwirkung eines modernen Oratoriums. Der charismatische, asketisch wirkende Honeck selbst geht in seinem körperlichen Einsatz aufs Ganze und schont dabei auch niemanden im Ensemble. Er mobilisiert bei Sängern und Musikern allerletzte Kräfte, wenn nach der Schilderung der Schrecken der Apokalypse in der Offenbarung des Johannes im „Dies Irae“ Mozarts „Tag des Zornes“ folgt und die Posaune (brillant: Alexander Pasolli) im „Tuba mirum“ zum letzten Gericht von der Kanzel schallt. Umso schärfer erscheint der Kontrast zum „Lacrimosa“, das wie ein helles Licht aufstrahlt, oder das ewig gültige „Ave verum“, das in seinem kaum mehr vernehmbaren Pianissimo, seinem Tempo nahe am Stillstand etwas überirdisch Tröstliches an sich hat.

Honeck versteht es, seinem Projekt auch durch die Auswahl der Mitwirkenden immer wieder neue Impulse zu geben. Heuer hat er erstmals mit dem Philharmonischen Chor München einen Volltreffer gelandet, der als einer der führenden Profi-Konzertchöre Deutschlands alles in den Schatten stellt, was man hier bisher an vokaler Strahlkraft, Klangkultur und Präzision (Chorfuge im „Kyrie“) vernommen hat. Das motiviert auch das ebenfalls erstmals bei diesem Projekt angetretene Symphonieorchester Vorarlberg zu Höchstleistungen als gleichwertiger Partner. Das SOV trägt aber auch den starken Gestaltungswillen des Dirigenten mit und lässt nichts an Plastizität, Dramatik und analytischer Feinarbeit vermissen. Und dann sind da noch die Solisten, die in den Quartetten mit ihrer Ausstrahlung und der verinnerlichten Glut ihrer Stimmen ganz wesentlich die Aura einer solchen Aufführung mitbestimmen. Die hier lange geschätzte südkoreanische Sopranistin Sunhae Im verströmt luxuriösen Wohlklang, die Vorarlbergerin Nina Maria Edelmann ist eine klangliche Wohltat in der Mezzopartie. Ihr Mann Paul Armin Edelmann, als Papageno in der Pountney-„Zauberflöte“ am See in bester Erinnerung, beeindruckt als Bass mit nuanciert sonorer Stimmkunst, der deutsche Tenor David Fischer fügt sich stimmlich schlank ins Ensemble.

Beziehungsreicher Rahmen

Verändert ist bei Honeck aber immer auch der beziehungsreich gewählte Rahmen rund um das zentrale Requiem. Während die zusammen mit Pfarrer Thomas Sauter sorgfältig gewählten zeitgeschichtlichen und biblischen Texte mit dem kraftvollen Lustenauer Sprecher Hanno Dreher um das Thema Frieden kreisen, stellt sich der Chor zunächst mit zwei modernen Werken der Literatur vor, dem „Totus tuus“ von Henryk Gorecki und dem „Fratres“ von Arvo Pärt. Zwei in softe Streicherarrangements gebettete Sololieder führen weiter in die Thematik ein: „Allerseelen“ von Schubert mit Paul Armin Edelmann, „Morgen“ von Richard Strauss im edlen Duett zwischen Sunhae Im und SOV-Konzertmeister Pawel Zalejski. Die Rheindorfer Schola stellt den Bezug zur Gregorianik her, Organist Michael Schwärzler lässt in seiner Improvisation Anklänge an das Fastenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“ erahnen. Am Schluss hat auch diesmal die große Glocke der Kirche Vorrang vor jedem billigen Applaus.