Das Paradies ist das Anziehende, nicht die Idylle

Kultur / 30.03.2018 • 19:58 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Porträt von 1910 (oben) erinnert an Bonnard, weiters sind der Markt in Tunis (1914), eine Ladenstraße und das letzte Werk von Macke zu sehen.VN/CD
Das Porträt von 1910 (oben) erinnert an Bonnard, weiters sind der Markt in Tunis (1914), eine Ladenstraße und das letzte Werk von Macke zu sehen.VN/CD

Die Begegnung mit August Macke wird heuer am Bodensee sehr gut gelöst.

Christa Dietrich

Lindau Er zählt zu den bekanntesten deutschen Vertretern der beginnenden Moderne und wird gerne gemeinsam mit Franz Marc, mit dem er befreundet war, genannt, eine repräsentative Ausstellung mit Arbeiten von August Macke (1887-1914) anzubieten, ist aufgrund der Leihgabensituation dennoch schwierig. Dazu bedarf es eines Kurators, der renommierte private Sammler kennt und deren Vertrauen besitzt. Mit dem Sprachdozenten, Kunstkenner und Kurator Roland Doschka haben die Lindauer seit acht Jahren einen Fachmann engagiert, der mit professionell-sorgfältiger Auswahl großen Namen (die Ausstellungsreihe begann mit Picasso und fand mit Chagall oder Matisse ihre Fortsetzung) im kleinen Rahmen gerecht wird. Der Fokus liegt dabei auf einem repräsentativen Überblick, gespickt mit besonderen Exponaten.

Dieses Konzept geht auch heuer wieder auf und wenn Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn davon spricht, dass er die Bodenseeregion als „Kulturgroßstadt“ sieht, in der sich Lindau neben den besonderen Anbietern von Zeitgenössischem, wozu auch das Kunsthaus Bregenz zählt, mit Basiswissen-Ausstellungen einbringt, sind die Intentionen geklärt. Dass man mit bekannten Namen jährlich von Ostern bis Ende August jeweils gut 50.000 Besucher anzieht, sei erfreulich. Dass Lindau das breite Publikum einfangen bzw. interessieren will, ist angesichts der Werkauswahl und der Vermittlungsangebote nur zu begrüßen.

Wacher Vertreter der Zeit

Und so ist August Macke auch als Vertreter einer Epoche nachzuerleben. Jung verstorben, blieben dem Künstler, der den Beginn des Ersten Weltkriegs schockiert kommentierte und bereits im September 1914 zum Opfer wird, nur rund zehn Schaffensjahre. Die Begegnung mit Wassily Kandinsky und Alexej Jawlensky, die sich in Deutschland aufhielten, wird neben jener mit Gabriele Münter und vor allem Franz Marc bedeutend für seine Entwicklung. Macke ist unter anderem Protagonist der Gruppe „Der blaue Reiter“ und kann sich, unterstützt durch seine Frau Elisabeth Gerhardt, die am Schaffen des Künstlers teilnimmt und ihrem Mann finanziell quasi den Rücken freihält, auch organisatorischen Aufgaben widmen. In Frankreich lernt er Robert Delaunay kennen, man tauscht sich aus. Durch die Auseinandersetzung mit dem Licht erhält sein OEuvre, das über Jahre vielerlei Einflüsse erkennen lässt,  sehr persönlichen Charakter.

„Flaneur im Garten der Kunst“ ist die Ausstellung mit über 40 Arbeiten im Lindauer Stadtmuseum Cavazzen übertitelt, die Farbwirkung durch die Hängung in den gewölbten Räumen beschert ein positiv-kontemplatives Erlebnis, das frei von falscher Idylle intellektuell fordert. Doschka ist es gelungen, eines der letzten Werke zu zeigen. Fast abstrahiert erscheint das Aquarell „Auf dem Friedhof von Thun“ aus dem Jahr 1914, auf dem sich Figuren aus den Farbflächen lösen, die eher gedämpft sind, kaum auf den eigentlichen Ort verweisen, sondern als perfekte Komposition am Ende einer Schau erlebbar werden, die auch mit einer der kurz zuvor entstandenen, kubistisch angehauchten Marktszenen von Tunis beeindrucken kann, der Macke selbst besondere Bedeutung zuwies. Das frühere Werk ist von einem den Fauvisten oder den Nabis nahestehenden Stil gekennzeichnet und beeindruckend mit Porträts, Genre-Szenen, Stillleben und Landschaften vertreten. Die Sogwirkung der zunehmenden Reduktion wird deutlich, selten zu sehende Ladenszenen und Zeichnungen komplettieren den gewinnbringenden Überblick, auf den das Lindauer Projekt ausgerichtet ist.

Geöffnet im Stadtmuseum Lindau (Marktplatz 6) bis 26. August, Mo bis So, 10 bis 18 Uhr. Ein Katalog liegt auf.