Es gibt nichts zu beschönigen

Kultur / 30.03.2018 • 21:38 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Regisseur, Schauspieler und Theater- bzw. Puppentheatermacher Nikolaus Habjan in „Böhm“. Schauspielhaus/Spuma
Regisseur, Schauspieler und Theater- bzw. Puppentheatermacher Nikolaus Habjan in „Böhm“. Schauspielhaus/Spuma

Festspiele beteiligen sich an Korrekturen zum Bild von Maestro Karl Böhm.

Christa Dietrich

Bregenz, Graz Die Gründe, sich heuer in Bregenz mit dem Dirigenten Karl Böhm (1894-1981) gesondert zu beschäftigen, liegen auf der Hand. Der österreichische Maestro, der, vielfach ausgezeichnet, in gewisser Weise auch als musikalisch stilbildend gilt, stand bei der Eröffnung des Festspielhauses im Jahr 1980 am Pult der Wiener Symphoniker. Im kommenden Sommer haben die Festspiele mit „Beatrice Cenci“ zudem eine Oper von Berthold Goldschmidt (1903-1996) im Programm, der als Zeitgenosse und Vertriebener unter anderem politische Aspekte im Agieren von Karl Böhm beleuchtete und dabei zu keinem guten Ergebnis kam.

Bestens verfeinert

Nachdem selbst die Salzburger Festspiele, mit denen er wie mit jenen in Bayreuth verbunden war, und die ihren Saal vor der Felsenreitschule nach Karl Böhm benannten, die schriftlich dokumentierte Faschismus-Bejahung des Dirigenten reflektieren mussten, findet vielerorts Aufarbeitung statt. So auch in Graz, der Heimatstadt von Karl Böhm, wo vor wenigen Tagen ein Stück von Paulus Hochgatterer uraufgeführt wurde, mit dem die Bregenzer Festspiel-Intendantin Elisabeth Sobotka heuer die von ihr wiederbelebte Schauspielschiene fortsetzt. Regisseur und Darsteller Nikolaus Habjan kann am Bodensee mit einer wichtigen Produktion in Verbindung gebracht werden, die die Besucher bestens in Erinnerung haben. 2016 wurde hier Otto M. Zykans „Staatsoperette“ aufgeführt, die Habjan unter der Regie des Vorarlbergers Simon Meusburger eindrücklich umsetzte. Zudem hat der hierzulande bestens bekannte Musiker Klaus Christa mit dem Theater- und Puppentheatermacher bereits erfolgreich zusammengearbeitet. In „Böhm“, wie die neue Produktion schlicht betitelt ist, steht Habjan, der seine Affinität zum Musiktheater bereits in München mit einer „Oberon“-Inszenierung bestens zum Tragen brachte, allein auf der Bühne. Er verleiht seinen Puppen dabei Lebendigkeit und Sprache, folgt einem psychologisch fundierten Textkonzept, in dem Hochgatterer die Geschichte von der Karriere Böhms im Hinblick auf die Annäherung an die Nationalsozialisten mit dem Sinnieren eines leicht grantelnden alten Herren verknüpft, der als Figur zwar greifbar, dann aber doch nicht genau festlegbar ist. Diese Art der Distanzierung und zugleich Fokussierung, die durch den Sprachduktus Habjans bestens weitere Verfeinerung erfährt, ist nicht nur für den dramaturgischen Verlauf äußerst förderlich, sie verdeutlicht auch die Verfehlungen von Karl Böhm, der den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland aktiv befürwortete sowie Deutschtümelei und Chauvinismus zum Ausdruck brachte.

Wie schnell sich Eitelkeit zu Egozentrik auswachsen kann, wird ebenso deutlich wie die Tatsache, dass es in Österreich sowie in Deutschland lange recht einfach war, folgenschweres Arrangieren mit einem menschenverachtenden bzw. mit einem Terrorregime als harmlos abzutun.

Herausragend

Das Stück „Böhm“ bettet derlei Mechanismen zudem in eine spannende Handlung und wird in der Umsetzung auch mit unterhaltenden und berührenden Momenten aufgeladen. Die künstlerischen Leistungen des Dirigenten Karl Böhm werden dabei nicht in Frage gestellt, man tritt jedoch gegen jegliches Beschönigen auf. Auch wer zur Ansicht findet, dass es manche filmisch-historische Einspielung nicht braucht, resümiert das Projekt zudem als herausragenden, auf der Bühne bestens funktionierenden Beitrag zum Verhältnis von Künstlern zur Politik.

Weitere Aufführungen am Schauspielhaus Graz ab 31. März. Premiere im Rahmen der Bregenzer Festspiele am 25. Juli.