Wenn die Literatur zur Musik wird und umgekehrt

Kultur / 30.03.2018 • 18:33 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?Timo Blunck, Heyne458 Seiten

Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?

Timo Blunck, Heyne

458 Seiten

Rock, Pop und Literatur: Im Idealfall geht es gut, dann gibt es gegenseitige Befruchtungen.

Romane Der Mann, der den Beweis antritt, dass dieser Spagat funktionieren kann, ist Timo Blunck. Timo Blunck, in Hamburg aufgewachsen, ist grundsätzlich Musiker bzw. Musikproduzent. Er war Bassist in der norddeutschen Avantgarde-Punk-Band „Palais Schaumburg“, später Mitbegründer der Band „Die Zimmermänner“ mit Detlef Diederichsen. Das ist alles durchdachte und mitunter anstrengende Musik. Um Geld zu verdienen, ging er in die Werbung.

Knapp dem Tod entronnen, lässt er nun sein Leben Revue passieren. Heraus kommt der autobiografische Roman „Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?“, dazu noch der gleichnamige Tonträger mit zwölf Liedern.

Buch versus Tonträger

Zum Roman: Wenn Musiker autobiografische Literatur machen, hat das meistens einen geringen Mehrwert. Je bekannter sie sind, desto verlegener oder skandalöser wird das Buch, Literatur ist selten dabei. Sven Regener ist hier eine glorreiche Ausnahme, aber von Nick Cave bis Pete Townshend scheitert das Projekt doch ziemlich kolossal.

Timo Blunck machte einen nicht ganz jugendfreien Roman, der im Großen und Ganzen funktioniert: Auch deutsche Männer können räudige Hunde sein, auch deutsche Männer können sich so benehmen, als wären sie in L.A., dabei sitzen sie in Hamburg. Dennoch, entspannter ist eigentlich die CD, der musikalische Rückgriff auf die 1980er-Jahre ist gekonnt und auch sonst bleibt viel Luft zwischen den Zeilen und das ist gut so.

Erwachsenenpop

Im Prinzip geht es mit Musik weiter, nämlich mit glasklarer Popmusik zwischen zwei Buchklappen. Die Rede ist von Benjamin von Stuckrad-Barre, der ja mit Christian Kracht und einigen anderen vor rund 20 Jahren die deutsche Pop-Literatur neu erfand. Plötzlich durfte in Deutschland die Literatur wieder glitzern und Lesungen fanden nicht mehr nur in kulturellen Einrichtungen statt, sondern auch der Club an der Ecke oder die Großraumdisko waren dafür die passenden Örtlichkeiten. Nun, lange ist es her und sozusagen zwischen seinen Romanen (zuletzt etwa „Panikherz“) gibt der Autor seine besten Reportagen und Porträts heraus. In „Remix 3“ befinden sich die wahrscheinlich eigenwilligsten Porträts über Boris Becker, Rainald Götz, Jörg Fauser und Ferdinand von Schirach. Die hätte keiner so geschrieben wie Stuckrad-Barre.

Natürlich liest man solche Texte eher durch den Rückspiegel, manche der Porträtierten leben nicht mehr, mache haben den Zenit bereits längst überschritten. Aber egal, seit dem Ableben von Marc Fischer und dem schon sehr entspannten Moritz von Uslar bleibt Benjamin von Stuckrad-Barre eben übrig, so als Masseverwalter einer Zeit, die trotz aller Hektik mit einer gewissen Beschaulichkeit aufwarten lässt.

In der Reportage Popshopping werden tatsächlich noch CDs gekauft oder die Story „Der letzte Sommer mit Papier“ handelt vom letzten Urlaub ohne Smartphone. Wie doch die Zeit vergeht.

Remix 3Benjamin von Stuckrad-BarreKiepenheuer & Witsch305 Seiten 

Remix 3

Benjamin von Stuckrad-Barre

Kiepenheuer & Witsch

305 Seiten