Ein klassisches Vergnügen

02.04.2018 • 17:16 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Pianist Ingolf Wunder und Dirigent Domingo Hindoyan mit dem Symphonieorchester Vorarlberg.SOV/D. Mathis
Pianist Ingolf Wunder und Dirigent Domingo Hindoyan mit dem Symphonieorchester Vorarlberg.SOV/D. Mathis

Das SOV traf mit Haydn, Mozart und Beethoven ins Schwarze.

FELDKIRCH „Einfach klassisch“ war’s diesmal, nach einem geflügelten Wort, das fünfte Abo-Konzert des Symphonieorchesters Vorarlberg am Wochenende. Drei Werke der Wiener Klassik entsprachen in ihrer Festlichkeit und Farbigkeit und ihrem meist ungetrübten musikalischen Fluss genau dem heiteren Lebensgefühl von Frühlingszeit und Ostern, mit dem die Zuhörer ins Konzert strömten.

Diese Programmierung wirft aber auch eine der zentralen Fragen des SOV auf, der man als langjähriger Beobachter immer wieder begegnet: Wie viel „neue“ Musik verträgt das heimische Publikum, bevor es flüchtet? Vielleicht wollte man diesmal mit einem prallen Osterei aus „Klassik pur“ wieder einmal all jenen den Wind aus den Segeln nehmen, die gerne aufmucken, weil das Orchester daneben auch einen deutlichen Anteil an aktuellen Werken spielt, auch von Vorarlbergern wie zuletzt Richard Dünser. Dies entspricht der Aufgabenstellung eines Landesorchesters, andererseits ist man auf die Zustimmung der Zuhörer als Sicherung der eigenen finanziellen Überlebensbasis angewiesen. Keine leichte Aufgabe also für Geschäftsführer Thomas Heißbauer, hier den heiklen Spagat zwischen Publikumsgeschmack und Kulturauftrag zu schaffen.

Unbeschwertes Musizieren

In dem 38-jährigen venezolanischen Dirigenten Domingo Hindoyan, spätestens seit seinem Bregenzer „Liebestrank“ von Donizetti ein Freund nicht nur der Musiker, sondern auch des Publikums, hat er einen engen Verbündeten, wenn es um sicheren Instinkt für die Wiedergabe von Klassik im heutigen Sinn geht. Er hat in der schlanken Orchesterbesetzung die Streicher glatt auf den Kopf gestellt: die zweiten Geigen rechts, die Bässe links. Und lässt so diese Musik ganz aus sich heraus atmen, gibt den Musikern das Gefühl der technischen Sicherheit, aber auch der größtmöglichen Freiheit und erreicht damit ein relativ unbeschwertes Musizieren.

Entdeckerfreude

Das bekommt zunächst Haydn, dessen Symphonie „La Reine“ so gar nicht nach dem Klischee des braven Hauskomponisten klingt, der beim Fürsten Esterhazy seine Pflicht erfüllte. Das Werk ist von prallem Leben und Witz erfüllt, hat viele Überraschungen parat, wie einen Variationensatz mit Vogelgezwitscher (sehr schön Barbara Chemellis Flöte) und jede Menge eleganter Einfälle zwischen barocken Einschüben und einem Bauernmenuett, die von Musikern und Dirigent mit Augenzwinkern ausgekostet werden. Beethoven Symphonie Nr. 8 F-Dur zum Finale steht als Bindeglied stets etwas im Schatten der tänzerischen Siebten und der monumentalen Neunten. Ungeachtet dessen geht Hindoyan auch hier mit Entdeckerfreude ans Werk und holt neben Kostbarkeiten wie dem Mälzel-Metronomsatz (nach heutigen Erkenntnissen „Fake News“ von damals) auch das altvaterische Menuett ins Zentrum, das die Brücke schlägt zurück zu Haydns Zopf. Bei so viel ungetrübt „schöner“ Musik spielt es für die meisten der Zuhörer auch keine Rolle, dass „klassisch“ nicht unbedingt auch „populär“ bedeutet. So ist in diesem streng chronologisch aufgefädelten Reigen von Haydn bis Beethoven allein der verträumte Mittelsatz aus Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur das, was man gemeinhin einen „Ohrwurm“ nennt. Und dies auch nur, weil er seit 1967 als Soundtrack für den Film „Elvira Madigan“ ein Eigenleben entwickelte. 

Dieses Werk ist dem als Solist beim SOV debütierenden Kärntner Pianisten Ingolf Wunder (32) vorbehalten, der dieses Andante mit größtem Ausdruck zelebriert. Seine eigenen Kadenzen verraten aber auch eine starke Künstlerpersönlichkeit, die sich nicht gerne unterordnet. Und tatsächlich präsentiert Wunder eine recht eigenwillige Interpretation, spielt einfach seinen eigenen Mozart und erweckt dabei oft den Eindruck, als würden er und das Orchester aneinander vorbei musizieren – auf eine durchaus brillante und mitreißende Art freilich, wenn auch mit kleinen Reibungsverlusten. Das Publikum bejubelt dieses Katz-und-Maus-Spiel und erhält eine Mozartfantasie und Debussys „Clair de lune“ als fein kolorierte Zugaben.

Rundfunkwiedergabe am 28. Mai und 4. Juni, jeweils 21 Uhr, Radio Vorarlberg. SOV-Abokonzert unter Gérard Korsten: 26. Mai, Feldkirch, Montforthaus; 27. Mai, Bregenz, Festspielhaus, jeweils 19.30 Uhr, Werke von Liszt, Korngold, Wagner.