Eine glänzende Visitenkarte abgegeben

Kultur / 19.04.2018 • 20:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Geiger Emmanuel Tjeknavorian mit dem Dirigenten Andrés Orozco-Estrada und dem hr-Sinfonieorchester Frankfurt im Dornbirner Kulturhaus. JU
Der Geiger Emmanuel Tjeknavorian mit dem Dirigenten Andrés Orozco-Estrada und dem hr-Sinfonieorchester Frankfurt im Dornbirner Kulturhaus. JU

Künftiger Symphoniker-Chef Orozco-Estrada weckte Erwartungen.

DORNBIRN Eine zufällige Konstellation nicht ohne Brisanz: Der als Nachfolger des scheidenden Philippe Jordan ab der Saison 2021/22 zum neuen Chefdirigenten der Wiener Symphoniker designierte Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada (40) absolvierte sein erstes Gastspiel in Vorarlberg bereits am Mittwoch im Dornbirner Kulturhaus in seiner derzeitigen Chefposition seit 2014 beim renommierten hr-Sinfonieorchester Frankfurt.

Bei den Festspielen

In Bregenz wird Orozco-Estrada, der vor Jahren auch beim SOV zu Gast war, mit den Symphonikern bei den Festspielen zu erleben sein. Die Aufmerksamkeit der Konzertmanager und Kulturkiebitze aus dem Land war ihm aber bereits jetzt sicher und das Kulturhaus ausverkauft, sehr zur Freude von Kulturamtsleiter und Kurator Roland Jörg, der hier seit Jahren mit schmalem Budget ein interessantes Programm auf die Beine stellt. Orozco-Estrada erfüllte auf Anhieb höchste Erwartungen und lieferte als Visitenkarte eine grandiose Interpretation der monumentalen, fast eineinhalbstündigen Symphonie Nr. 5 von Gustav Mahler ab, leidenschaftlich, aufwühlend, zugleich innig berührend und verstörend, ein einsamer Glanzpunkt in dieser Konzertreihe.

Sein Konzept ist weniger detailreich und vergeistigt als jenes von Kirill Petrenko mit dem SOV vor genau einem Jahr, dafür erdiger und um nichts weniger mitreißend. Dazu trägt auch das erstmals hier tätige Orchester des Hessischen Rundfunks mit seiner langjährigen Tradition und einer guten Altersmischung qualifizierter Musiker bei, die bei den vielen Solostellen immer wieder gefordert werden. Dazu gehört auch der seit 2005 in diesem Orchester als Solotrompeter wirkende Götzner Jürgen Ellensohn, seit 2015 auch Professor am Landeskonservatorium, der für seine stilistisch toll geblasenen, exponierten Soli mit einem Sonderapplaus gefeiert wird. Das Orchester ist in voller Stärke mit 93 Musikern angetreten, davon ein Wald aus 60 Streichern, mit kecken Holzbläsern, sattem Blech, wuchtigem Schlagzeug, und formt aus diesem Werk ein Klangereignis von besonderem Format. Licht und Schatten, Lebenslust und Weltschmerz, Farben und Formen ergeben unter den Händen des klug disponierenden Dirigenten ein Klanggemälde von starker Emotionalität, das trotzdem nie überladen wirkt und auch das diesmal besonders aufmerksame Publikum in seinen Bann schlägt.

Ein Liebesbeweis

Es ist das, was der Schriftsteller Robert Schneider in seiner beeindruckend persönlichen, sprachlich brillanten Einführung „existenzielle Musik“ genannt hat. Das haben Kenner ebenso verstanden wie Neulinge dieses Genres. Ebenso natürlich, dass es sich bei dem berühmten „Adagietto“ daraus um einen der schönsten Liebesbeweise handelt, die je ein Komponist für eine Frau ersonnen hat. In diesem Fall galt er Alma Schindler, der späteren Gattin Mahlers. Das vielstrapazierte Streicherepos mit Harfe wird auch hier zu einem Juwel an Intensität, Ruhe und innerer Spannung. Schließlich hält auch bei den größten Ausbrüchen die oft als problematisch beschriebene Akustik des Hauses diesen Anforderungen stand. Am Schluss herrscht heller Jubel. Weniger glücklich ist man mit Mozarts populärem A-Dur-Violinkonzert als Einbegleitung zu Mahler. Emmanuel Tjeknavorian, der 22-jährige Wiener Geiger mit armenischen Wurzeln, spielt dabei mit feinem Ton und ausgefeilter Technik durchwegs die richtigen Noten, aber die Musik lebt bei ihm (noch) nicht, sie ist in Schönheit erstarrt, und das ist zu wenig. Zudem sind Solist und Dirigent über manche Details offenbar nicht immer einer Meinung, was sich in kleinen Differenzen äußert. Auch wenn das Orchester professionell einen abgerundeten Mozartklang beisteuert, bleiben doch Wünsche offen.

Letztes Abokonzert „Dornbirn Klassik“: 17. Mai, 19.30 Uhr, Dornbirn, Kulturhaus. Kammersymphonie Berlin, Dirigent Jürgen Bruns (Werke von Haydn, Mozart, Richard Dünser)