Die Grenzen zwischen Lust und Angst

Kultur / 27.04.2018 • 20:29 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das gesamte symphonische Werk Schuberts wird in Hohenems unter Michi Gaigg auf alten Instrumenten erklingen. Schubertiade/Reinhard Winkler
Das gesamte symphonische Werk Schuberts wird in Hohenems unter Michi Gaigg auf alten Instrumenten erklingen. Schubertiade/Reinhard Winkler

Michi Gaigg setzt mit ihrem Barockorchester auf neue Akzente.

HOHENEMS Es geschieht sogar bei einem so sehr auf seine Zentralfigur Schubert konzentrierten Festival wie der Schubertiade selten genug, dass dessen acht Symphonien als Zyklus aufgeführt werden. Der große Erneuerer Nikolaus Harnoncourt fand 1992 in Feldkirch mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam erstmals für dieses Repertoire einen damals aufregend aktualisierten Zugang, in den Jahren 2014/15 musizierte der Pianist András Schiff mit seiner „Cappella Andrea Barca“ diese Symphonien in Schwarzenberg in eher traditioneller Weise.

In dritter Auflage dominiert dieser Zyklus mit vier Konzerten im Markus-Sittikus-Saal in der kommenden Woche den heute beginnenden zweiten Programmteil der Schubertiade in Hohenems. Mit der Verpflichtung des Linzer „L’Orfeo Barockorchesters“ als einem der gefragten Originalklangensembles hat sich für Gerd Nachbauer diesmal die Möglichkeit ergeben, seinem Publikum neue Sichtweisen auf dieses gängige Repertoire zu eröffnen. Zum ersten Mal wird das symphonische Werk Schuberts nämlich von den frühen Fragmenten (ca. 1810/11) bis hin zum Opus Magnum der „Großen C-Dur-Symphonie“ Nr. 8 (1825/28) in kompletter chronologischer Reihenfolge und zudem in historisch informierter Spielweise auf alten Instrumenten erklingen. Erstmals steht dabei mit der Barockspezialistin, Geigerin und Pädagogin Michi Gaigg eine Frau am Pult.

 

Schubert gilt gemeinhin als der große „Liederfürst“: Welche Bedeutung haben für Sie seine Symphonien in diesem Gesamtwerk?

GAIGG Für mich ist Schubert einer der größten Symphoniker überhaupt. Schubert war Visionär und Wegbereiter für die Musik von Wagner und Bruckner.

 

Schubert wollte sich über sein Oktett im Fahrwasser Beethovens den Weg zur großen Symphonie bahnen. Er hat zwar sein großes Vorbild nie erreicht, vor allem im Kontrapunkt blieb er vieles schuldig. Ist er trotzdem auch in seinen Symphonien einzigartig?

GAIGG Ja, er ist einzigartig. So wie schon Robert Schumann sagte: „Schubert ist die unverwechselbare Kombination von eigenwilliger Formsprache und einem zutiefst persönlichen Ton.“

 

Worin sehen Sie die ungebrochene Faszination dieser Werke, vor allem der beliebten „Unvollendeten“, auf die Zuhörer von heute?

GAIGG In Schuberts symphonischen Werken hört man ständig die Grenzen zwischen großer Lebenslust, Lebenswillen, Angst, Wehmut bis zur Todessehnsucht, eine emotionale Palette, die auch heute in all ihren Facetten berührt.

 

Welche Bedeutung haben die Fragmente und Opern-Ouvertüren, die begleitend zu den Symphonien aufgeführt werden? Hat das nicht bloß wissenschaftlichen Wert?

GAIGG Sie eröffnen einen klingenden Blick in Schuberts Kompositionswerkstatt! Auf dem alles andere als geradlinigen, mitunter gewagten, risikoreichen Weg zur großen Sinfonie sind sie Wegweiser und Sackgassenschilder in einem.

 

Harnoncourt ist mit seiner Idee damals bis Johann Strauß vorgedrungen. Wie weit möchten Sie gehen?

GAIGG Die Türen sind noch offen.

 

Sie spielen in relativ schlanker, kammermusikalischer Besetzung. Welches Klangideal streben Sie dabei an?

GAIGG Die Mehrzahl der Symphonien Franz Schuberts erblickten, ausgeführt vom Orchesterverein des Geigers Otto Hatwig, im Schottenhof und später dann im Gundelhof am Stephansplatz das Licht der Welt. Hatwigs Orchester bestand aus bis zu 36 Musikern, eine Größenordnung die man, zuletzt noch mit leichten Zuwächsen, auch in unseren Konzerten erleben wird. Bei einem Streicher-Bläser-Verhältnis von ca. 3:2 darf man sich auf ein transparentes, farbenreiches Klangbild freuen!

 

Sie produzieren im Sittikus-Saal Hohenems die Symphonien für eine CD-Einspielung. Sind das für Sie ideale Produktionsbedingungen?

GAIGG Die Basis dieser CD-Produktion für das Label cpo sind die Livemitschnitte der vier Konzerte. Sie versprechen ein Höchstmaß an Lebendigkeit und Atmosphäre, wobei der Markus-Sittikus-Saal in letzterer Hinsicht von sich aus schon sehr viel mitbringt.

 

Sie haben bereits 2016 bei der Schubertiade in Schwarzenberg gastiert. Ist dieses Festival mit seinem Fachpublikum das ideale Forum, um Ihre Ideen in Sachen Schubert umzusetzen?

GAIGG Wir freuen uns sehr, dieses Projekt in einem solchen Rahmen verwirklichen zu dürfen.

 

Noch eine persönliche Frage: Im Empfinden des Publikums ist auch heute noch eine Frau am Dirigentenpult eine exotische Erscheinung. Haben Sie das auch erfahren?

GAIGG Nicht vom Publikum. Doch habe ich in Bezug auf das Musikbusiness den Eindruck, dass der Weg des „L’Orfeo Barockorchesters“ weniger steinig gewesen wäre, wenn ich ein Mann wäre, auch heute noch.

 

Gab es bei Ihren Musikern jemals Zweifel in Kompetenz- und Disziplinfragen, nur weil Sie eine Frau sind?

GAIGG Nein.

Zur Person

Michi Gaigg

Dirigentin, Geigerin, Pädagogin

Geboren 22. April 1957, Schörfling am Attersee

Ausbildung Erhielt entscheidende Impulse beim Studium am Salzburger Mozarteum von Nikolaus Harnoncourt; Ausbildung in Barockvioline bei Ingrid Seifert und Sigiswald Kuijken

Tätigkeit Geigerin in Barockensembles von Frans Brüggen, Christopher Hogwood, René Jacobs u. a.; 1983 Gründung des ersten eigenen Orchesters „L’Arpa Festante“ München; 1996 Gründung und Leitung des „L’Orfeo Barockorchesters“, seit 2003 Intendantin der Donaufestwochen im Strudengau; unterrichtete am Conservatoire National de Strasbourg und von 1994 bis 2017 an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz

Produktionen mehr als 30 CD-Aufnahmen mit „L’Orfeo“, darunter Opern und Ersteinspielungen, vielfach prämiert (u. a. mit einem ECHO-Klassik)

Schubert-Symphonienzyklus der Schubertiade Hohenems: 2. bis 5. Mai, jeweils 20.00 Uhr, Markus-Sittikus-Saal („L’Orfeo Barockorchester“, Dirigentin Michi Gaigg)