Allein unter Feinden

03.05.2018 • 16:54 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Bellinis „Il Pirata“ in St. Gallen: Starke Bilder malen das Geschehen, im Kammerspiel wie in den Massenszenen. Voith
Bellinis „Il Pirata“ in St. Gallen: Starke Bilder malen das Geschehen, im Kammerspiel wie in den Massenszenen. Voith

Minutenlange Ovationen im Theater St. Gallen nach der Premiere von „Il Pirata“.

St. Gallen Dabei handelt es sich um eine Belcanto-Oper voller dramatischer Kontraste. Inszenierung und Bühnenbild von Ben Baur unter der musikalischen Leitung von Pietro Rizzo, Weltklassesänger in den Hauptpartien und ein glänzend disponierter Chor ergeben ein Gesamtkunstwerk, das zu einer Renaissance der selten aufgeführten Oper führen könnte, die für Bellini den künstlerischen Durchbruch bedeutete.

Wen interessieren heute noch auf Ehre und Rache sinnende Helden des 13. Jahrhunderts? Was aber, wenn der blutige Dreieckskonflikt sich stimmig in einem inhumanen Mafiamilieu abspielt? Dann ist der Zuschauer gepackt, nimmt Anteil an nervenzerfetzenden Emotionen, an herzzerreißendem Schmerz, der eine unschuldige Frau seelisch zerbrechen lässt. Im Gewittersturm der ersten Szene wirft der Regisseur bereits einen Blick aufs Ende, auf eine Trauergesellschaft vor einem Sarg mit weißen Blüten, davor eine Frau. In Verzweiflung hat sie ihr Kind erstochen, schon erkennt man die Vorzeichen des Wahnsinns, der am Ende in die expressive Kantilene mündet.

Das zweite Bild führt zehn Jahre zurück. Unbeschwert genießt Imogene die Liebe zu Gualtiero, der ihr brutal entrissen wird, während sie selbst zur Hochzeit mit Ernesto gezwungen wird – nur unter Schmerzen erträgt sie diese Ehe. Da wird Gualtiero als Schiffbrüchiger ans Ufer geworfen. Alte Wunden brechen mit Macht auf. Auch wenn Imogene der Liebe entsagt und den heftig nach ihr verlangenden Gualtiero zum Verzicht auffordert, nimmt das Unheil seinen Lauf, als die Männer aufeinandertreffen und Rache suchen.

Starke Bilder malen das Geschehen, im Kammerspiel wie in den Massenszenen: die Totenfeier, die Hochzeit wie die Siegesfeier, zu der Ernesto seinen Mannen Gogo-Girls mitbringt. Stimmige Bilder, die ohne Klischee die Konflikte tragen.

Lupenrein

Ein Ereignis ist die im Libanon geborene, in Kanada aufgewachsene Sopranistin Joyce El-Khoury. Lupenrein sind ihre Koloraturen, geschmeidig der silbern strahlende Sopran, der in Pianissimo-Passagen wie in hochdramatischen Ausbrüchen berührt, ebenso ergreifend ist ihr Spiel. Zwei starke Partner ergänzen das Dreieck: der philippinische Tenor Arthur Espiritu als „Pirata“ Gualtiero und der Sarde Marco Caria als sein Gegner Ernesto. Farbig malt das Sinfonieorchester die orchestralen Klangfantasien, schlicht die rhythmischen Formeln, die den Gesang begleiten. chv

Weitere Aufführungen der Oper „Il Pirata“ in St. Gallen ab 6. Mai bis Juni: www.theatersg.ch