Einblicke in Schuberts Kompositionswerkstatt

03.05.2018 • 16:51 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ein Schubertiade-Abend im Markus-Sittikus-Saal mit dem „L’Orfeo Barockorchester“ und seiner Dirigentin Michi Gaigg.   SCHUBERTIADE

Ein Schubertiade-Abend im Markus-Sittikus-Saal mit dem „L’Orfeo Barockorchester“ und seiner Dirigentin Michi Gaigg.   SCHUBERTIADE

Erster Symphonien-Zyklus-Abend ergab zwiespältige Ergebnisse.

HOHENEMS Fast ebenso viele Mikrofonstative wie Musiker ergaben am Mittwoch bei der Schubertiade ein seltsames Bild auf der Bühne des Markus-Sittikus-Saales. Der ambitionierte vierteilige Schubert-Symphonienzyklus hatte Platz gegriffen, und der parallele Livemitschnitt für ein CD-Projekt ließ dem „L’Orfeo Barockorchester“ und seiner Dirigentin Michi Gaigg nur noch wenig Platz für räumliche Entfaltung. Ein voll besetzter Saal erlebte zum Start interessante Einblicke in die Werkstatt des jungen Schubert mit seinen ersten Kompositionsversuchen, aber auch eine eher enttäuschende musikalische Umsetzung.

Als „Weltpremiere“ kündigt Schubertforscher Michael Kube dieses Unternehmen an, bei dem zusammen mit den acht Symphonien Schuberts auch seine Ouvertüren und zahlreiche Fragmente in chronologischer Reihenfolge ein komplettes Bild seiner symphonischen Arbeit ergeben. Kube, Mitarbeiter an der Neuen Schubertausgabe, lässt an diesem Abend den gestrengen Musikwissenschaftler eher in den Hintergrund treten. Es gelingt ihm, bei aller Ernsthaftigkeit in lockerer Moderation als Musikvermittler mit Zitaten und Anekdoten die Zuhörer für die ersten symphonischen Versuche des jungen Schubert zu interessieren. Bereits im Knabenkonvikt komponierte er 1811 als 14-Jähriger seine erste komplette Partitur für das dortige Orchester, das Fragment einer Ouvertüre, die er mehrfach umarbeitete. Kube umschrieb diesen erstaunlich frühreifen Talentbeweis treffend mit „Jugendliche Genialität trifft auf noch nicht ganz ausgereiftes handwerkliches Vermögen“.

Fortführung vergessen

Eine komplette Ouvertüre zur Oper „Der Teufel als Hydraulicus“ und weitere Fragmente, in denen Schubert Anleihen an der zweiten Symphonie des großen Vorbilds Beethoven genommen hat, vervollständigen das eindrückliche Bild dieser Gehversuche im ersten Konzertteil mit entsprechenden Musikbeispielen des Orchesters. Das Bemühen, auf diese Weise jede symphonische Note Schuberts zu retten und der Nachwelt zu erhalten, ist aus musikwissenschaftlicher Sicht absolut zu begrüßen. Im Konzert bringt es letztlich dennoch zu wenig. Die Leute lachen, wenn das Orchester am Ende eines Fragments plötzlich abbricht, wissen nicht, ob sie nun klatschen sollen. Dabei hat Schubert damals einfach seinen Federkiel beiseitegelegt und später auf eine Fortführung des Werks vergessen.

Dafür ist dann der zweite Teil einer kompletten Aufführung von Schuberts halbstündiger Symphonie Nr. 1 vorbehalten, die er 1813 mit 16 Jahren in seiner bevorzugten Tonart D-Dur schrieb, etwas ungelenk manchmal noch, aber schon damals von einem wachen Geist der Melodienerfindung und der Suche nach neuen Harmonien inspiriert. Und hier zeigt sich, dass sich diese feinsinnige, noch klassische Musik nur bedingt mit dem aufgerauten barocken Originalklang der alten Instrumente verträgt. Das bewusst fehlende Vibrato der Streicher, das knallige Blech und die harten Pauken, ein in der Intonation unsauberes Holz und viele ungenaue Einsätze tragen zu diesem getrübten Eindruck bei.

Zupackende Spielweise

Michi Gaigg am Pult pflegt eine straffe, zupackende Spielweise, doch in ihrem beidhändig taktierenden Dirigat bleibt wenig Platz für Differenzierung, vor allem für ein wirkliches Piano, das man sich im zweiten Satz gewünscht hätte. Alles wird auf Tempo und Temperament durchgepeitscht, wuchtig und in einer Lautstärke, die an die akustischen Grenzen des Saales geht. Das hat sich Franz Schubert gerade hier nicht verdient.

Nächste Schubertiade-Konzerte: L’Orfeo Barockorchester, Dir. Michi Gaigg, Freitag, 4. Mai, und Samstag, 5. Mai, jeweils 20 Uhr, Markus-Sittikus-Saal Hohenems.