Geschichte ist nicht von gestern

Kultur / 03.05.2018 • 16:54 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Franziska Stiegholzer hat ein Kettenhemd gehäkelt.
Franziska Stiegholzer hat ein Kettenhemd gehäkelt.

Geschichte ist heute. Überzeugen kann man sich davon in der Villa Claudia.

Feldkirch Jubiläen haben es so an sich, dass man irgendwann auf die Geschichte stößt. Da macht Feldkirch, wo man heuer die 800 Jahre der Stadt an der Ill feiert, keine Ausnahme. Zum Glück, muss man sagen. Denn sonst käme man um das Vergnügen, in der Villa Claudia auf den Spuren der Stadtgeschichte zu wandeln. Und zwar der Stadtgeschichte, wie sie 18 Vorarlberger Künstler und Künstlerinnen für sich neu oder wiederentdeckt haben. Dabei stolpert man überall über Versatzstücke der Stadtgeschichte, aber eben anders als erwartet: charmant, witzig, skurril, hintergründig und immer intelligent.

Das beginnt mit May-Britt Nyberg-Chromys Linoldrucken, in denen dem Betrachter Menschen entgegenblicken, die in der Stadt und dem Leben darin ihre Fußspuren hinterlassen haben. Die Autorin Paula Ludwig gesellt sich da ganz selbstverständlich zu Elfriede Blaikner, der ersten Frau in der Feldkircher Stadtvertretung und eine der ersten beiden weiblichen Landtagsabgeordneten in Vorarlberg überhaupt.

Eine Wand weiter trifft man auf Edgar Leissings Feldkircher Stadtansichten. Hier lehnen sich Garagentore von hier an Mauerelemente von da, während man dazwischen Fassadenelemente des Landeskonservatoriums und anderer profilgebender Gebäude der Stadt entdecken kann. Genau darum geht es, denn Leissing nimmt die Architektur, die bleibt, und puzzelt sie neu zusammen. Claudia Mang wiederum verbindet Zeichnung und Skulptur und schreibt die eine in der anderen fort, während Georg Vith am Beispiel der Feldkircher Dogana neue und alte Architektur, Geschichte und Gegenwart übereinanderblendet.

Kultplätze ergründen dann Melanie Berlinger und Renate Ludescher-Krapez. Ist es für Berlinger die 1000-jährige Eibe, die sich an die Kirche in St. Corneli schmiegt, ist es für Ludescher-Krapez das Haupt des Heiligen Fidelis, mit dem sie – mit Kreide, Acrylfarbe und Bleistift auf Goldstoff – ein Stück Stadt- und auch Glaubensgeschichte aufgreift. Für Melanie Berlinger hingegen kam zuerst die Eibe, die einen Kraftort markierte und erst dann die Kirche, die den Kraftort für sich besetzte. Die Eibe öffnet Berlinger symbolisch und markiert anhand der Jahresringe die wichtigen Ereignisse im Leben der Eibe und der Stadt.

Katzenköpfe am Katzenturm

Humorvoll spielt schließlich Bettina Bohne mit der Stadt Feldkirch und ihren beiden Wahrzeichen. Dem Katzenturm montiert sie in ihren Digitalgrafiken einfach Katzenköpfe ins Mauerwerk, während sie die Schattenburg von den Sonnenstrahlen eines Südseestrands kitzeln lässt.

Anna von Helfenstein soll jene Geliebte Kaiser Maximilians gewesen sein, für die er das Feldkircher Schloss Amberg errichtet haben soll. Tatsache ist: Das Schloss gab es schon vorher. Aber das Gerücht um die Dame blieb. Und was machte die Geschichte mit Frauen, die man in der Versenkung verschwinden lassen wollte? Man achtete darauf, dass kein Bildnis von ihnen entstehen konnte. So ist es auch Anna von Helfenstein ergangen. Bis Lisa Althaus kam und der Dame hinter dem Gerücht ein Porträt und damit ein Gesicht gab.

Frauen, die verfolgt und ausgelöscht wurden, spielen auch bei Hilda Keemik eine Rolle. Aus Eisendraht lässt sie die Silhouetten von wartenden und gaffenden Menschen entstehen, die am Ufer des Flusses darauf warten, ob die darin versenkte „Hexe“ nicht doch wieder auftaucht. Keemiks Arbeit „Das Gewicht des Guten“ greift damit die Hexenverfolgung als Thema auf, die es auch in Feldkirch gab, wobei sich die Schlingen des Drahtes im Spiel von Licht und Schatten verdoppeln und so zum reizvollen, wenn auch abgründigen Sehspiel einladen.

Die Montforter höchstpersönlich porträtiert Hanno Metzler, nicht aber in Öl und auf Leinwand, sondern in Stein. Ebenfalls in Stein reflektiert Albrecht Zauner Geschichte und Gegenwart der Stadt, indem er für Feldkirch Begriffe wie Innovation und Kommunikation in Stein gehauen hat. Roland Adlassnig wiederum nimmt die Verkehrssituation kreativ aufs Korn. Er bringt Autos aus Stein unter dem Titel „Alles wird langsamer“ zum Stillstand.

Fast keine Stadt ohne dazugehörigen Fluss, das gilt so auch für Feldkirch. Grund genug für Judith Batlogg, sich in ihrem Bilderzyklus dem Lauf der Ill anzunähern. Ebenfalls mit Wasser, besser gesagt mit der Schnittstelle von Wasser und Papier beschäftigt sich auch Oliver Bischof, der auf handgeschöpftem Papier so Schriftzeichen entstehen lässt, die auf eine andere Zeit und einen anderen Ort verweisen. Im Buch der Geschichte liest Harald Gmeiner. Was sein Geschichtsbuch aber von anderen grundlegend unterscheidet, ist die Tatsache, dass die Seiten seines Buches leer sind und auch leer bleiben.

Kettenhemd aus Fensterdichtungen

Ritterlich wird es bei Franziska Stiegholzer, die aus Fensterdichtungen ein Kettenhemd gehäkelt hat und so Vergangenheit und Gegenwart der Stadt miteinander verschlingt. In diese Kerbe schlägt auch Florian Gerer, der in seiner großformatigen Fotoarbeit, in der er Rubbellose neben Bierdosen zu liegen kommen lässt, auf die Studierstadt Feldkirch anspielt und zu einer ironisch-überzeichneten Ode an den Humanismus ansetzt. Die Schulstadt Feldkirch setzt sich dann auch in zwei Fotoarbeiten Ursula Dorigos fort. Sie „porträtierte“ dafür Schulbänke, die von Feldkircher Schülern während des Unterrichts „verschönert“ wurden.

„Vielfalt in der Villa“ titelt die Feldkircher Schau und genau das ist es auch. 18 künstlerische Blickwinkel auf die Stadt, ihr Gestern und ihr Heute.

In May-Britt Nyberg-Chromys Linoldrucken blicken dem Betrachter Menschen entgegen, die in der Stadt Feldkirch und dem Leben darin ihre Fußspuren hinterlassen haben.  lerch
In May-Britt Nyberg-Chromys Linoldrucken blicken dem Betrachter Menschen entgegen, die in der Stadt Feldkirch und dem Leben darin ihre Fußspuren hinterlassen haben.  lerch

Die Ausstellung „Vielfalt in der Villa“ ist bis 10. Juni in der Feldkircher Villa Claudia zu sehen: www.kunstvorarlberg.at