Alle Luken sind noch nicht dicht

06.05.2018 • 19:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Tobias Fend, Claudia Sutter und Gregor Weisgerber in „Alarmtauchen“ im Museum Rhein-Schauen in Lustenau. Cafe fuerte
Tobias Fend, Claudia Sutter und Gregor Weisgerber in „Alarmtauchen“ im Museum Rhein-Schauen in Lustenau. Cafe fuerte

Mit „Alarmtauchen“ wird im Museum Rhein-Schauen ein nachwirkendes Geschichtskapitel aufgeschlagen.

Lustenau Vertuschungsmechanismen in der österreichischen Nachkriegsdemokratie haben Schriftsteller wie etwa Fritz Hochwälder, Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek in Werken behandelt, die mittlerweile zum Kanon der Literatur zählen. In ihren generellen Aussagen bleiben sie gültig, konkrete Verweise auf Nazi-Verbrechen oder das Nachwirken von faschistoidem Gedankengut sind identifizierbar.

In ihrem neuen Stück „Alarmtauchen“ fokussiert die von Tobias Fend und Danielle Fend-Strahm geleitete Theatergruppe Café Fuerte nun im Vorfeld einer Ausstellung, die Ende Mai in der Galerie Hollenstein eröffnet wird, die Geschehnisse in Lustenau rund um den Anschluss im Jahr 1938. Als Erzähltheater ausgerichtet, sucht das Team für seine Projekte jeweils nach besonderen oder das Thema unterstreichenden Aufführungsorten. Für „Alarmtauchen“, ein Auftragswerk der Gemeinde Lustenau, wurde man in der ehemaligen Lokomotivwerkstatt im Museum Rhein-Schauen fündig, wo die im Text für drei Personen vorgenommene Überlappung von Geschichte und Gegenwart eine beeindruckende, informative und nicht zuletzt aufrüttelnde Inszenierung ergibt.

Von Hollenstein bis Zwangsarbeit

Die Dreierbesatzung eines U-Bootes, das da manövrierunfähig vermeintlich gegen Ende des Krieges oder eben mehr als 70 Jahre danach in einem Kaff namens Liebenau auftaucht, das unschwer als Gemeinde Lustenau mit „Kilbi und Stau“ sowie einem „Labyrinth aus Einfamilienhäusern“ auszumachen ist, steht für Fanatismus, Radikalisierung, Mitläufertum, Einschüchterung oder Gleichgültigkeit. Die Gefahr, die von derlei Tendenzen ausgeht, ist bekannt. In der Dechiffrierung von Vorgängen, die in diktatorische Verhältnisse münden, braucht ein Theatertext nicht flächendeckend zu sein. Was Tobias Fend bestens gelingt, ist das Herstellen von Assoziationen. Bei Gerti, die als unterdrücktes Mädchen bei der Marine Anerkennung und – selbstverständlich in Männerkleidung – Karrierechancen wittert, für die sie sich zu Führertreue verpflichtet, denkt man an die Lustenauer Malerin Stephanie Hollenstein und deren frühe Mitgliedschaft in der NSDAP. Gleichsam steht die Figur aber auch für alle sich unbeachtet fühlenden Personen, denen der Faschismus eine Aufwertung des eigenen Egos anbot. Im weiteren Schicksal von Natascha, einer Ukrainerin, die von einem der Soldaten geschwängert wurde, werden Rassismus und Menschenverachtung thematisiert, die so mancher Kleingewerbler oder Bauer in Kauf nahm, konnte bei Ausbeutung der Zwangsarbeiter doch der Profit gesteigert werden.

Wie man es sich als scheinbar Außenstehender mit den Nazis und der Gestapo richtete, scheint in Sequenzen durch, ohne als x-fache Wiederholung von Bekanntem zu wirken, und überhaupt ist der Text dort besonders stark, wo klar wird, dass die Luken dieses U-Bootes noch nicht dicht sind. Plakative Querbezüge passieren dabei weder dem Autor Tobias Fend, noch Regisseurin Danielle Fend-Strahm. Claudia Sutter, Gregor Weisgerber und Tobias Fend selbst agieren in der Lokomotivwerkstatt der Rhein-Schauen derart eindrücklich einer spannenden, musikalisch von Florian Wagner unterstützten Choreografie folgend, dass die zwei Ebenen bei Einbeziehung der während des Spiels geöffneten Grube weitere Bedeutung erlangen.

Nächste Konzerte der Schubertiade: 13. und 25. Mai, 10. Juni in Hohenems; 23. Juni bis 1. Juli in Schwarzenberg