Höhenflüge im wahrsten Sinne

08.05.2018 • 19:13 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Frau Meier, die Amsel“ des Theaters Zitadelle begeisterte am Mittwoch bei der Vorarlberg-Premiere in Hohenems. Homunculus/Böckle
„Frau Meier, die Amsel“ des Theaters Zitadelle begeisterte am Mittwoch bei der Vorarlberg-Premiere in Hohenems. Homunculus/Böckle

Homunculus wartet wirklich mit dem Besten auf, was das Puppentheater zu bieten hat.

Hohenems Große Literatur und bekannte Märchen gehören zum Festival Homunculus ebenso wie die kleinen feinen Geschichten aus dem Alltag. Mit „Hin ist Hin“ entwickelte etwa die Schweizer Gruppe Dakar ein perfides Spiel um Sein und Schein, das auf einem Text von Ödön von Horváth basiert, bei dem lebensgroße Puppen zum Einsatz kommen, die bei der Österreich-Premiere am gestrigen Abend die Klassiker-Serie perfekt fortsetzten. Berücksichtigt hat diese die neue künstlerische Leiterin Susi Claus heuer auch mit dem dritten Teil der „Berliner Stadtmusikanten“ des deutschen Theaters Zitadelle.

Zum Liebhaben

Geht es hier, in der freien Adaptierung des tierischen Aufstands, durchaus um Sein und Haben oder gar um eine befriedigende Lebensgestaltung, so bringt ausgerechnet ein gefiederter Freund die ängstliche Frau Meier auf den Boden. „Frau Meier, die Amsel“ wurde gestern im ausverkauften Haus zwei Mal vom Zielpublikum – das heißt, von Menschen ab fünf Jahren – bejubelt. Was Regina und Ralf Wagner als Vorarlberg-Premiere anzubieten hatten, ist ein Stück zum Liebhaben. Die Aufführung, während der aus dem Mobiliar ein Garten wächst, ein winziger Vogel bei viel Zuwendung und mit einer Portion Würmer flügge wird und Herr Meier am Ende immer noch auf seinen Kuchen wartet, in der dafür aber ein Baum alle seine aus Angstzitaten bestehenden Blätter verliert, ist herzerwärmend und sprachlich wie im Spiel mit winzigen Puppen perfekt umgesetzt. Die Ängste sind irrational, aber gerade als solche mit feinen Verweisen auf gesellschaftlich relevante Themen durchzogen. Die Generationenkluft zwischen Bühne und Publikum ist an sich groß, aber sofort überwunden, weil das Agieren der Schauspieler überreich an Geist und Witz bis hin zum trockenen Humor ist und das Lebendigwerden der Materie bis zum finalen Amselflug hochprofessionell über das Aktivieren der Fantasie funktioniert. VN-cd

Das Festival Homunculus dauert noch bis 11. Mai, am 9. Mai findet in Hohenems die Lange Nacht der jungen Theatermacher statt: www.homunculus.info