Umgekrempelt, aber es fährt ein

09.05.2018 • 20:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Premiere von „Kaspar“ von Peter Handke fand gestern Abend im Kornmarkttheater in Bregenz statt. LT/Köhler
Die Premiere von „Kaspar“ von Peter Handke fand gestern Abend im Kornmarkttheater in Bregenz statt. LT/Köhler

Landestheater verabschiedet sich mit konzertantem „Kaspar“ von Peter Handke.

Christa Dietrich

Bregenz „Das Stück könnte auch Sprechfolterung heißen“, ließ Peter Handke einst selbst sein Lese- und Theaterpublikum informieren. Dass „Kaspar“, uraufgeführt am 11. Mai vor 50 Jahren an Bühnen in Frankfurt und Oberhausen, nun die Saison am Vorarlberger Landestheater beschließt, ist auf den Wechsel in der Intendanz zurückzuführen. Während Alexander Kubelka noch eine Uraufführung nach eigenem Text und mit Musik ankündigte, entschied sich Britta Kampert, die interimistische Leiterin des Hauses am Kornmarkt, für das  Original, um dieses dann, wie die Premiere am gestrigen Mittwochabend zeigte, charakterlich etwas anders zu lagern und die Inszenierung mit Carina Riedl einer mittlerweile auch am Wiener Burgtheater tätigen Regisseurin aus Oberösterreich zu überlassen, die das Werk bereits vor einigen Jahren am Schauspielhaus Graz umsetzte. Einen Bezug zur Stadt des Festivals „steirischer herbst“ gibt es ohnedies, ganz zu Beginn der Aufführungsserie des nunmehrigen modernen Klassikers steht eine Inszenierung in dessen Rahmen.

Pop-Kultur

Dass der junge Handke die Schriften des Sprachkritikers und Philosophen Fritz Mauthner intus hatte, war damals offenkundig. Klassiker nach Jahrzehnten einmal umzukrempeln, ist legitim. Wenn nun die in quasi alle Bereiche hineinwirkende Pop-Kultur als Spiegel benützt wird, der den Text auffängt und wiedergibt, mag das gültig sein. Denn obwohl das, was das Vorarlberger Landestheater mit „Kaspar“, Carina Riedl und der Musikerin Tony Renaissance nun anbietet, nicht unbedingt darauf schließen lässt, dass man dem Gewicht der Sprache von Peter Handke vertraut, wird einigen Essenztropfen des Textes nach einem etwa einstündigen choreografischen Theater, bei dem die Akteure aus ihren grob gestrickten Kokons schlüpfen, um sich zu den bunten 7oer-Jahre-Alltagskleidern überhöhende Gesichtsmasken überzustülpen, wieder ausreichend Raum verschafft.

Nachvollziehbar

Es scheint, als habe es gerade die unter anderem auch bei Impulstanz tätige Komponistin und Performancekünstlerin geschafft, die Bühne von jenen Bildern und Irritationen zu befreien, die bis zur Einblendung eines Fuchses auf dem Videoscreen oder der Öffnung der hinteren Wand reicht, durch die der Sonnenuntergang über dem See gerade noch aufblitzt. Was fast ein wenig platt wirkt, wird zum nachvollziehbaren Teil eines Konzepts, das nicht mehr nur darauf abzielt, inwieweit die Sprache erzieherischen Mustern oder politischen Strategien dient und inwieweit wir uns diese bewusst oder unbewusst aneignen, sondern das den Fokus auf die Frage richtet, wie es generell um unsere Wahrnehmung bestellt ist. Unterstrichen wird die Methode durch das Anbieten oder Ineinanderverknüpfen verschiedener Theaterformen, das darin gipfelt, dass irgendwann ein paar Suchscheinwerfer über den Köpfen der Zuschauer kreisen und die Schauspieler am Rande der Publikumsreihen agieren.

Man hat das Spiel kapiert und ist ganz und gar nicht verstimmt, zeigt das Team auf der Bühne doch jene Wandlungsfähigkeit, die ein solches Konzept verlangt. Jörg Ratjen ergreift die Chance, die Klassik- und Handke-Fans mit exakt pointierten Passagen zu beliefern. Nancy Mensah-Offei, Michael Ruchter, Elisa Seydel und Bo-Phyllis Strube erweisen sich in den farbenreichen Kostümen von Otto Krause als Protagonisten des erwähnten choreografischen Theaters, das die Spannung eineinhalb Stunden lang aufrechterhalten kann.

Über die Distanz hinweg

Und mit Katharina Ernst sitzt ganz oben auf den kreisrunden Bühnenstufen von Sarah Sassen eine starke Frau, die über die Distanz hinweg bestens mit Tony Renaissance ganz vorne vor den Zuschauerreihen agiert. Dass das auf der Geschichte des Findelkindes Kaspar Hauser basierende, philosophisch-theatrale Musik- und Sprachkonglomerat, wie der heftige Applaus verdeutlicht, auch die hintersten Reihen erreicht hat, zählt zu den weiteren Pluspunkten des Saisonfinales am Bregenzer Kornmarkt. Man wünscht sich nur, dass dort noch mehr Menschen sitzen.

Nächste Aufführung des Stücks am 17. Mai am Kornmarkt in Bregenz und weitere Termine bis 23. Juni: www.landestheater.org