Eine Ära geht zu Ende: „Danke, Gérard!“

27.05.2018 • 18:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Nach 13 Jahren mit Gérard Korsten als Chefdirigent des SOV ging am Wochen­ende im Montforthaus eine Ära zu Ende. Mathis
Nach 13 Jahren mit Gérard Korsten als Chefdirigent des SOV ging am Wochen­ende im Montforthaus eine Ära zu Ende. Mathis

Das Symphonieorchester Vorarlberg bereitete seinem Chefdirigenten Gérard Korsten zum Abschied eine Gala.

FELDKIRCH Mit Standing Ovations von einem vollen Montforthaus gefeiert wurde bei seinem letzten Abokonzert am Samstag Gérard Korsten (58), der nach 13 Jahren scheidende Chefdirigent des Symphonieorchesters Vorarlberg (SOV). Präsident Manfred Schnetzer ernannte ihn zum Ehrendirigenten des SOV auf Lebenszeit, LT-Präsident Harald Sonderegger würdigte sein Engagement in sehr persönlichen Worten: „Danke, Gérard!“ Ein Abschied auf Raten, denn Korstens wirklich letztes Konzert mit dem SOV wird die Festspielmatinee in Bregenz sein.

Nach 13 Jahren mit Korsten als Chefdirigent geht beim SOV eine Ära zu Ende, die geprägt war von einer bemerkenswerten klanglichen und spieltechnischen Weiterentwicklung, aber auch einer Erweiterung des Repertoires. Mit seinen berühmten stampfenden Temperamentausbrüchen, seinem scharfen Intellekt und dem feinen Gespür für Klänge und Menschen ist dieses Energiebündel zu einer allseits respektierten Integrationsfigur geworden, dem Mozart stets ebenso wichtig war wie der Streicherklang. Eine Erfolgsgeschichte, die auf der gegenseitigen Inspiration mit seinen Musikern basiert, einem blinden Vertrauen, das spontanes, risikoreiches Musizieren absichert. Auch wenn es Zeit geworden ist für neue Impulse: Man wird ihn vermissen. Dass dieser Abschied mit dem Abgang von Geschäftsführer Thomas Heißbauer nach fünf Jahren zusammenfällt, ist kein ideales Timing.

Geschichtsstunde

Der Wehmut dieses Abschieds ist ein Programm angepasst, das rund 80 Jahre in jene dunklen Zeiten zurückblendet, als die Nazis mit ihren Gräueltaten brutal auch auf Kunst und Kultur zugegriffen haben. Es ist Musik, die für Propagandazwecke missbraucht oder verfemt war und verboten wurde. So wird das sechste Abokonzert zum Versuch einer späten Rehabilitation für diese einst belastete Musik, zu einer Geschichtsstunde, die nachdenklich stimmt. Das SOV bleibt in ganz großer, fast 90-köpfiger Besetzung in einem letzten kollektiven Aufbäumen an diesem Abend seinem scheidenden Chef nichts schuldig, schenkt ihm alles, was es zu geben hat: seine schönsten Momente an Klangkultur, Strahlkraft, Glanz, Konzentration und inwendiger Schönheit. Das opulente Programm bietet reichlich Gelegenheit dazu, etwa mit der einleitenden Symphonischen Dichtung „Les Préludes“ von Franz Liszt, die wie ein Feuersturm durch den Saal fegt. Die Nazis bedienten sich über den „Volksempfänger“, ihren Radiosender, des fanfarenartigen Hauptthemas daraus als Signal für Erfolgsmeldungen von Hitlers Truppen an der Front. Sie vereinnahmten auch die Musik Richard Wagners, der ebenfalls im Jahrhundert vor den Nazis gelebt hat, doch durch dezidiert nationalistische und antisemitische Elemente in seiner Musik der Ideologie der Nazis weit näherstand als Liszt. Seine Ouvertüre zur Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ ist ein Lobpreis auf die „deutsche Kunst“ und ein Kraftakt für ein versiertes Orchester, aber keine wirkliche Hürde für Korsten und seine brillante Mannschaft, die dabei zu großer Form aufläuft.

Atemberaubende Virtuosität

Bleiben zwei Beispiele für aus der Sicht der Nazis „verfemte“, also geächtete, entartete Musik, deren Aufführung verboten und deren Komponisten politisch verfolgt wurden. Dies geschah, auch wenn sie nicht-jüdischer Abstammung waren und melodienselig im Sinne der Nazikunst-Ästhetik schrieben, aber einer falschen „Rasse“ angehörten, auch Leuten wie dem Brünner Erich Wolfgang Korngold. Sein einziges Violinkonzert, das er kunstvoll aus eigenen Filmhits generierte, gehört zu den bleibenden Schöpfungen jener Zeit. Der Salzburger Geiger Benjamin Schmid (50) gilt heute zu Recht als überragender Könner in diesem speziellen Genre und stellt dies mit dem notwendig süß-sinnlichen Ton und, mit dem bombensicheren Orchester im Rücken auch mit einer atemberaubenden Virtuosität, überzeugend unter Beweis. Seine Zugabe, Nathan Milsteins „Paganiniana“, ist die hasardierende Steigerung dazu, der Jubel gewaltig. Ebenfalls nicht aus rassischen, sondern aus weltanschaulichen Gründen musste der Deutsche Paul Hindemith emigrieren. Ein aufmüpfiges Opernsujet wie „Mathis der Maler“ nach dem Schöpfer des Isenheimer Altars, in dem es um das fatale Verhältnis von Kunst und Macht geht, war zu viel für die Nazi-Schergen. Drei Symphoniesätze daraus in einer kantigen Tonsprache erweisen sich für die Zuhörer als schwer zugängliche Kost.

Rundfunkwiedergabe: 18. und 25. Juni, 21 Uhr, Radio Vorarlberg; Festspiel-Matinee des SOV: 19. August, 11 Uhr, Festspielhaus – Mark Padmore, Tenor, Dirigent Gérard Korsten (Britten, Beethoven)