Musiktipps. Von Fritz Jurmann

01.06.2018 • 19:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

KÜNSTLER Benjamin Engeli, Klavier

ALBUM Brahms

PRODUKTION/VERTRIEB Ars Produktion

Man hat Bachs aufregende „Goldberg-Variationen“ noch im Ohr, die der Schweizer Pianist Benjamin Engeli (40) vor kurzem bei der Chopingesellschaft in Feldkirch abgeliefert hat. Seine aktuelle Brahms-CD beeindruckt nicht weniger, wenn auch mit anderen Mitteln. Diesem Komponisten hat sich der von András Schiff und Maurizio Pollini ausgebildete Musiker schrittweise angenähert, zunächst über die Kammermusik und seine Klavierkonzerte, dessen zweites er nach seinem Antritt als Dozent am Landeskonservatorium 2013 hier zelebrierte. Mit einer Auswahl früher Balladen, mittlerer Rhapsodien und später Intermezzi und dem Hasardstück einer Bach-Bearbeitung für die linke Hand hat er das Leben des Komponisten abgebildet, ist ins Zentrum vorgestoßen. Engelis Respekt vor Brahms, der fein nuancierte Anschlag, eine kräftige Farbgebung und zupackende Griffigkeit weisen ihn dabei als großen Klavier-Romantiker unserer Zeit aus.

KÜNSTLER David Helbock’s Random Control

ALBUM Tour d’horizon from Brubeck to Zawinul

PRODUKTION/VERTRIEB ACT Music/edel:kultur

Seit 2016 ist der international höchst erfolgreiche Koblacher Jazzpianist und Komponist David Helbock (40) Exklusivkünstler des renommierten Münchner Labels ACT Music. Nach „Into the Mystic“ erweist er sich auf seinem aktuellen Album erneut als konsequenter Spurensucher. Gemeinsam mit seinen langjährigen Kumpels, den beiden „Urviechern“ Johannes Bär und Andreas Broger vom verwichenen Holstuanarmusigbigbandclub, und bewaffnet mit 30 verschiedenen Blasinstrumenten samt Electronics taucht er als Trio „Random Control“ ein in die Klangwelt seiner Lieblinge am Jazzpiano. Ganz ohne Respekt vor großen Vorbildern, dafür mit einem weiten Spielraum an eigene Ideen, in denen sich gemeinsame Experimentierfreude mit artistischem Können an den Instrumenten und purer Spiellust verbindet. Präsentationstermine in Vorarlberg: 11. August Jazzfestival Lech; 29. September Spielboden Dornbirn; 16. November Propstei St. Gerold.

KÜNSTLER Thomas Quasthoff, NDR-Bigband / Trio

ALBUM Nice’n‘easy

PRODUKTION/VERTRIEB NDR/Okeh.

Über viele Jahre hat er uns als herausragender Künstler der Schubertiade Sternstunden im Lied bereitet. Sechs Jahre nach seinem Rückzug von der klassischen Bühne kehrt der schon legendäre Bassbariton Thomas Quasthoff (58) nun, nicht ganz überraschend, mit einem Jazzalbum ins Rampenlicht zurück und erfüllt sich damit einen Jugendtraum. Denn eigentlich hat er immer schon gerne Jazz gesungen, doch die weltweite Klassik-Karriere legte ihm gewisse Beschränkungen im Umgang mit seiner Stimme auf. Solche Bedenken hat er nun über Bord geworfen und mit der NDR-Bigband und einem Trio bevorzugte Jazz-Klassiker in opulenten Arrangements eingespielt. Eine gelungene Metamorphose: Der kleine Mann mit der mächtigen Stimme hat alle guten Eigenschaften des klassischen Liedgesangs ins Jazzfach transferiert und klingt in diesem Studioalbum glaubhaft mit so viel Swing-Feeling, als hätte er lebenslang nie etwas anderes gesungen.

KÜNSTLER MusicAeterna, Teodor Currentzis

ALBUM Tschaikowsky Symphonie Nr. 6, Pathétique

PRODUKTION/VERTRIEB SONY Classical

Der griechische Shootingstar Teodor Currentzis (46) hat im Vorjahr bei den Meisterkonzerten am Pult der Wiener Symphoniker für Momente der Verzauberung und Verstörung gesorgt und 2010 bei den Festspielen die Weinberg-Oper „Die Passagierin“ dirigiert. Der Ruf des genialen Revoluzzers, der die Klassikwelt mit radikalen Ideen aus den Angeln hebt und polarisiert wie kein Zweiter, wird ihn auch bei seiner Position als Chef des SWF-Sinfonieorchesters ab Herbst begleiten. Hier legt er Tschaikowskys berühmteste Symphonie vor, seine „Pathétique“, die früheren Dirigenten Anlass zu Exzessen an Schwülstigkeit bot. Currentzis mit seinem Hochpräzisionsinstrument MusicAeterna treibt dem Werk mit Tempo und Dynamik jedes übertriebene Pathos aus, ohne ihm dabei seine klangliche Schönheit zu rauben. Ein Tschaikowsky, mit dem auch Puristen leben können. Alle anderen erfreuen sich an diesem unverzopften, geschärften Zugang.