Die nackte Venus mit Gefolge in der Wiener Albertina

Kultur / 20.02.2019 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Steuereintreiber“ von Quentin Massys aus den späten 1920er-Jahren passen in eine Liechtensteiner Sammlung.  VN/CD
Die Steuereintreiber“ von Quentin Massys aus den späten 1920er-Jahren passen in eine Liechtensteiner Sammlung.  VN/CD

Gemälde und Skulpturen der Fürstlichen Sammlung aus Liechtenstein locken in die Albertina.

Christa Dietrich

Wien, Vaduz Bald 35 Jahre ist es her, dass selbst Besucher des Metropolitan Museum of Art in New York nicht schlecht staunten. In den Gesellschaftsspalten der führenden Zeitungen war zu lesen, dass europäischer Adel in der City weilt und die schönsten Säle des Museums waren leergeräumt, um die besten Stücke aus einer der wichtigsten Privatsammlungen der Welt zur Geltung zu bringen. Das Porträt der Clara Serena Rubens, dieses berührend selbstbewusst dreinblickende Mädchen, zierte den Titel des Kataloges. Dass das Haus Liechtenstein die Fürstliche Sammlung auch zu Repräsentationszwecken auf Reisen schickt, war fast nebensächlich. Das Publikum fixierte die halbnackte „Venus vor dem Spiegel“, weitere Rubens-Gemälde und jene von Van Dyck oder Jordaens, konnte die goldene Kutsche betrachten, die das Fürstenhaus zur Vermählung von Josef II. den Habsburgern lieh und übersah fast, dass diese Art von Werbung für Liechtenstein ja auch dem gleichnamigen Bankhaus gut tat. In den wertvollen Intarsienschränken, die man damals auch zeigte, hätte das Geld ohnehin nicht Platz gehabt.

Mittlerweise sind Teile der Sammlungen, die einst aus den Wiener Kriegswirren ins friedliche Vaduz verfrachtet wurden, wo sie hinter dicken Palastmauern vor Blicken geschützt waren, oft unterwegs gewesen. Die Tour führte ebenso in den Fernen Osten wie nach Südfrankreich. Vor rund zwei Jahren punktete das Kunstmuseum Bern mit der Liechtensteiner Sammlung, deren Bestände mit einem Schwerpunkt im Barock zwar nur bis ins 19. Jahrhundert reichen, die aber dennoch wächst.

Wird aus konservatorischen Gründen selten gezeigt und ist jetzt in Wien: „Venus vor dem Spiegel“ von Peter Paul Rubens.  Fürstl.Sammlungen/Albertina
Wird aus konservatorischen Gründen selten gezeigt und ist jetzt in Wien: „Venus vor dem Spiegel“ von Peter Paul Rubens.  Fürstl.Sammlungen/Albertina

In Wien, wo die Fürstlichen Palais nach Jahrzehnten mit verschiedener Verwendung nun wieder im alten Glanz erstrahlen, war den Bildern selbst nicht unbedingt viel Glück beschieden. In der Stadt mit einem Kunsthistorischen Museum, für dessen Besichtigung man mindestens einige Tage braucht, versiegten die Besucher- und Touristenströme vor den Liechtensteiner Schätzen, die Prunkräume sind nicht mehr durchgehend bzw. nur nach Anmeldung offen.

Massen an Interessen

Aber siehe da, in der Wiener Albertina schieben sich nun selbst an einem Montag Massen an Interessenten durch eine Ausstellung, die mit „Rubens bis Makart“ betitelt wurde und damit auf Namen verweist, die gerade in der Bundeshauptstadt sehr geläufig sind. Der Anlass der Schau liegt auf der Hand, das Fürstentum feiert sein 300-jähriges Bestehen. Davon soll man auch in Österreich etwas haben, schließlich nahmen auch die Liechtensteiner die Aufgaben vieler Fürstenhäuser ernst, man unterstützte das Kaiserhaus wo und wie es ging. Die Habsburger haben uns mit ihrer Sammelleidenschaft die öffentlichen Museen gefüllt, Herzog Albert von Sachsen-Teschen, der Gründer der Albertina, öffnete schon um 1805 die Türen gelegentlich für alle. Und auch die Liechtensteiner hatten die Freude am Betrachten von Kunstwerken schon früh nicht nur mit ihresgleichen geteilt.

Vergessen ist der peinliche Vorfall um eine Fälschung, die vor ein paar Jahren in die Fürstlichen Sammlungen geriet. Dass weiterhin angekauft wird, ist offensichtlich. „Der Tod von Kleopatra“ aus dem Jahr 1875 von Hans Makart zählt zu den jüngsten Erwerbungen und repräsentiert den Prunk, mit dem sich die gehobene Gesellschaft in Wien umgab, bevor Gustav Klimt den goldglänzenden Luxus zumindest ein wenig ordnete. Dass Friedrich von Amerling zu den Lieblingen zählt, wird nicht nur dadurch deutlich, dass der Maler mit Porträts einer kleinen Prinzessin beauftragt wurde, die Reihe seiner meist verträumt in die Ferne blickenden Personen wurde in den letzten Jahren auch noch vergrößert. Die Anschaffung der „Steuereintreiber“ von Quentin Massys dem Älteren aus dem Jahr 1520 ging durch die Presse. Auch nach der großen Brueghel-Ausstellung im KHM ist die Betrachtung eines seiner Landschaftsbilder ein Erlebnis. „Die Volkszählung in Bethlehem“ darf mit ihren Details als typische Alltagsdarstellung gelten, in der man angesichts der vielen Geschichten, die es hier zu erzählen gibt, Maria kaum findet. Die erwähnte Rubens-„Venus“, die aus konservatorischen Gründen nicht oft reisen darf, fällt selbstverständlich sofort auf. Und natürlich ist der Blick auch auf Adrien de Vries zu lenken, oder auf Arcimboldo und die Marc-Aurel-Büste von Antico. Fendi und Waldmüller erheitern mit Genreszenen und einem Porträt von Kaiser Franz Josef I. als Kleinkind gerade in Wien, lassen auf Zukaufsüberlegungen schließen, machen die Sammlung aber nicht aus, die groß genug ist, um mehrere Häuser zu füllen, während immer noch viel im Depot schlummert.

Geöffnet in der Wiener Albertina bis 10. Juni, täglich, 10 bis 18 Uhr, Mittwoch und Freitag, 10 bis 21 Uhr, www.albertina.at